Zur Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und ihrer Vorläufer

Die Geschichte des neurologischen Verbandswesens kann in drei Phasen eingeteilt werden. Jeder Zeitraum ist jeweils durch eine eigene zentrale Fachgesellschaft, entsprechende Protagonisten sowie unterschiedliche Rahmenbedingungen gekennzeichnet. In prägnanter Kürze sollen diese Entwicklungsabschnitte im Folgenden dargestellt werden; weiterführende Informationen finden Interessierte im Literaturverzeichnis am Schluss.

1. Die Gesellschaft deutscher Nervenärzte (1907-1935)

Moritz Heinrich Romberg (1795–1873) hatte mit seinem 1840 erschienen „Lehrbuch der Nervenkrankheiten“ einen neuen Wissensraum eröffnet. Allerdings wurde das innovative Betätigungsfeld im deutschsprachigen Gebiet gleichermaßen von Vertretern der etablierten Fächer Innere Medizin und Psychiatrie beansprucht. 30 Jahre später stellte Wilhelm Erb (1840–1921) zwar selbstbewusst fest, dass „die eigentliche wissenschaftliche … Bearbeitung der Nervenpathologie heutzutage nur noch eine specialistische sein kann“ – zu einer echten Spezialisierung zum Beispiel durch Einrichtung von eigenständigen Universitätskliniken oder Abteilungen kam es allerdings nicht. Gleichwohl bekräftigte Erb als Pionier einer unabhängigen Neurologie seine Überzeugung immer wieder, so auch anlässlich eines Vortrags beim Kongress für Innere Medizin 1905.

Hermann Oppenheim
Wilhelm Erb (1840 - 1921)
© wikicommons

Zur treibenden Kraft für die Gründung einer neurologischen Fachvereinigung entwickelte sich jedoch ein anderer Arzt, nämlich Hermann Oppenheim (1858–1919), der in Berlin eine neurologische Poliklinik neben und außerhalb der Hochschule leitete. Erbs programmatische Rede veranlasste ihn, im Sommer 1906 einen Aufruf in verschiedenen Journalen zu veröffentlichen: „Die Unterzeichneten glauben, dass es zweckmäßig wäre, eine Gesellschaft deutscher Nervenärzte zu schaffen. Noch fehlt der Neurologie die Anerkennung der Selbständigkeit an Universitäten und Krankenhäusern, noch fehlt es auch an einem Zusammenschluss der deutschen Neurologen zu einheitlicher Vertretung und zu gemeinsamer Arbeit im Dienste des Ganzen“. Als Mitunterzeichner hatte Oppenheim sechs Persönlichkeiten aus dem Deutschen Reich, der Schweiz und Österreich gewonnen, die sich mit dem neuen Fach identifizierten und dessen Selbständigkeit den Weg bereiten wollten: Ludwig Bruns/Hannover, Alfred Sänger/Hamburg, Paul Julius Möbius/Leipzig, Ludwig Edinger/Frankfurt am Main, Constantin von Monakow/Zürich und Lothar von Frankl-Hochwart/Wien. Die Initiatoren agierten höchst erfolgreich. Nach einem Vorbereitungstreffen am 17. September 1906 in Stuttgart, an dem auch Max Nonne (1861–1959) teilnahm, konnte die konstituierende Sitzung der Vereinigung am 14. September 1907 mit 139 Mitgliedern in Dresden stattfinden. Erb wurde als „elder statesman“ zum Ersten Vorsitzenden gekürt; die wichtige Begrüßungsansprache hielt jedoch Oppenheim.

Hermann Oppenheim (1858 - 1919)
© wikicommons

Gleichwohl war bereits diese erste Phase von kulturell und fachpolitisch motivierten antisemitischen Tendenzen begleitet, deren Ausmaß schwer abzuschätzen ist. Beispielsweise schrieb kein Geringerer als Wilhelm Erb 1912 an einen Kollegen: „Auch ist alles daran zu setzen, dass die Verjudung uns[erer] Gesellschaft nicht noch größere Dimensionen annimmt!“

Die neue Vereinigung, die entsprechenden Parallelgründungen in den USA, Großbritannien und Frankreich zeitlich folgte, erwies sich als vielversprechendes Projekt, als Speerspitze der Autonomiebestrebungen und als Professionalisierungsschub: Binnen Jahresfrist verdoppelte sich die Mitgliederzahl und stieg bis 1932 sogar auf 670 Personen. Dem ersten Präsidenten Erb folgten in diesem Amt Oppenheim (1912–1916), Nonne (1917–1924), Otfrid Foerster (1925–1932) und Oswald Bumke (1933–1935). Als erstes wissenschaftliches Publikationsorgan der Vereinigung diente die 1891 von Erb und Anderen konzipierte „Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde“, die als weiterer Baustein für die Entstehung eines künftigen selbständigen Fachs Neurologie zu sehen ist. Im späten Kaiserreich und der Weimarer Republik setzten sich auch in der Diagnostik Verfahren durch, die als fachspezifische Techniken der Neurologie später maßgeblich zur Unabhängigkeit verhelfen sollten: Liquoruntersuchung, Pneumenzephalo- und Angiographie, Elektroenzephalo- und Elektroneurographie markieren die Anfänge jener technisierten Fachkultur, welche die Disziplin bis heute kennzeichnet.

2. Die Gesellschaft deutscher Neurologen und Psychiater (1935-1955)

Zwei Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfuhren die Ambitionen der deutschen Neurologen selbständig zu werden eine starke Einschränkung. Am 2. September 1935 wurde die Gesellschaft deutscher Nervenärzte auf Weisung der Reichsregierung zusammen mit dem Deutschen Verein für Psychiatrie in die linientreue Gesellschaft deutscher Neurologen und Psychiater eingegliedert. Erster Vorsitzender und Leiter der Psychiatrischen Abteilung wurde der Psychiater Ernst Rüdin (1874–1952), als Zweiter Vorsitzender und Leiter der Neurologischen Abteilung wirkte der Hamburger Kliniker Heinrich Pette (1887–1964), der damit zum berufspolitisch einflussreichsten Neurologen im „Dritten Reich“ aufstieg; bis 1939 fanden gemeinsame Jahrestagungen statt. Doch die NS-Herrschaft veränderte mehr als nur die Organisation des Faches auf Verbandsebene. Wie historische Studien aus jüngerer Zeit verdeutlicht haben, passten viele Mediziner, auch viele Neurologen, ihre politische Haltung den neuen Gegebenheiten an. Es änderte sich die Qualität der Versorgung für Patientinnen und Patienten in Praxis und Klinik, ethische und wissenschaftliche Standards in Forschung und Lehre wurden der NS-Ideologie angepasst. Während die einen sich in den NS-Staat integrierten oder ihn sogar aktiv mittrugen, begann für tausende „nicht arische“ und politisch missliebige Ärztinnen und Ärzte eine leidvolle Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung, der Vertreibung aus ihrem Beruf und ihrem Land, die in einigen Fällen im Konzentrationslager oder im Suizid endete. Die lange Liste vertriebener Neurologinnen und Neurologen liest sich heute wie ein „Who is who“ des Faches in Mitteleuropa: Josef Gerstmann und Kurt Goldstein, Ludwig Guttmann und Alfred Hauptmann, Friedrich Heinrich Lewy und Otto Marburg, Adolf Wallenberg und Robert Wartenberg – sie und viele andere waren nicht zuletzt Mitglieder der 1935 aufgelösten Gesellschaft deutscher Nervenärzte gewesen.

3. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (1950-heute)

Nach dem Ende der Diktatur wurde die Gesellschaft neu formiert: 1950 wurde in Bonn die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) ins Leben gerufen. Während diese Gründung von den Protagonisten lange als „Neuanfang“ in der Tradition der Gesellschaft deutscher Nervenärzte gedeutet worden ist, wissen wir heute, dass zumindest personell die Kontinuität zur Gesellschaft deutscher Neurologen und Psychiater und auch zum NS-Staat ungebrochen war. Unter den sieben „Gründervätern“ finden sich sechs frühere NSDAP-Mitglieder; dazu gehört neben Georg Schaltenbrand auch Heinrich Pette, der als erster Vorsitzender der DGN wirkte (1950–1952) und Mitte der 1950er-Jahre dabei half, die Gesellschaft deutscher Neurologen und Psychiater abzuwickeln.

Heinrich Pette
Heinrich Pette
© Heinrich-Pette-Institut

Insgesamt 10 der 13 bis 1976 amtierenden DGN-Präsidenten hatten der NSDAP, der SA oder der SS angehört, hinzu kommen etliche belastete Ehrenvorsitzende, Ehrenmitglieder und Namengeber von Preisen. Die Gründe für diese heute äußerst befremdlichen Tatsachen sind in einer in der jungen Bundesrepublik vorherrschenden Haltung zu suchen, die Historiker mit den Schlagworten „Schweigekonsens“, „Amnestierung“ und „Reintegration“ beschrieben haben. Hiervon zeugen auch die Festschriften zum 50-jährigen Bestehen (1957) und zum 75-jährigen Jubiläum (1982).

Gleichwohl waren die Nachkriegsjahrzehnte für die deutsche Neurologie und ihre Fachgesellschaft sehr erfolgreiche. Nicht zuletzt durch gemeinsame Jahrestagungen mit der französischen (1966, 1970) und der britischen Schwestergesellschaft (1968, 1971) fand die deutsche Neurowissenschaft wieder Anschluss an die internationale Forschung; diese Entwicklung gipfelte in der Ausrichtung des neurologischen Weltkongresses 1985 in Hamburg. Mitte der 1950er-Jahre hatte auch die schrittweise Errichtung selbständiger neurologischer Lehrstühle und Kliniken sowie städtischer Abteilungen eingesetzt, bis um 1985 die Trennung von der Psychiatrie überall vollzogen war. Mit der deutschen Wiedervereinigung erfasste dieser Trend auch die Versorgungs- und Forschungslandschaft der DDR – im Osten Deutschlands hatte es eine gemeinsame Fachgesellschaft von Neurologen und Psychiatern, eine gemeinsame Zeitschrift sowie gemeinsame Kongresse gegeben. Die nun institutionell unabhängige Neurologie baute mit CT, MRT, PET und anderen Verfahren nicht nur ihr diagnostisches Repertoire aus; auch Behandlungserfolge, etwa beim Schlaganfall, der Multiplen Sklerose, dem Morbus Parkinson und in der Intensivmedizin, lassen den einschneidenden Wandel von einem eher diagnostischen zu einem vollwertigen therapeutischen Fach der klinischen Medizin erkennen.

Der erste Kongress der DGN hat 1952 in Hamburg stattgefunden. Seither wurden die Jahrestagungen zunächst in zweijährigen Abstand von dem jeweiligen DGN-Vorsitzenden abgehalten, seit 1980 werden jährliche Kongresse von Kongresspräsidenten organisiert, die vom Vorstand benannt werden. Seit 2005 verfügt die DGN neben dem Vorstand und dem Beirat über einen Geschäftsführer, und seit 2018 einen Generalsekretär. Seit 2002 veröffentlicht die DGN Leitlinien zu allen wichtigen neurologischen Krankheitsbildern mit regelmäßigen Aktualisierungen. Seit 2018 gibt die Fachgesellschaft mit DGNeurologie eine eigene deutschsprachige Zeitschrift und mit Neurological Research and Practice (NRP) eine englischsprachige Zeitschrift heraus. Der Sitz und die Geschäftsstelle der DGN befinden sich seit 2007 in Berlin.

Literatur

  • Döring G. 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurologie. DGN 1957.
  • Grond M, Thiekötter T (Hrsg.) Neurologie und Neurologen in der NS-Zeit. Nervenarzt 2016; 87/Suppl. 1:1-53. 
  • Grond M, Thiekötter T (Hrsg.) Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit. Nervenarzt 2020; 91/Suppl. 1:1-145.
  • Karenberg A. Die Gründung der „Gesellschaft Deutscher Nervenärzte“ und die schwierigen Anfänge der klinischen Neurologie in Deutschland. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde 2008; 14:319-345.
  • Kömpf D. (Hrsg.) 100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Lübeck 2007.
  • Martin M, Fangerau H, Karenberg A. German Neurology and the „Third Reich“. European Neurology 2016; 76:234-243.
  • Pantel J. Streitfall Nervenheilkunde – eine Studie zur disziplinären Genese der klinischen Neurologie in Deutschland.  Fortschritte der Neurologie/Psychiatrie 1993; 61:144-156.
  • Seitz D. 75 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurologie 1907–1982. Lübeck 1982.
  • Schmuhl H.-W. Die Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater im Nationalsozialismus. Berlin/Heidelberg 2016.
  • Zeidman L. R. Brain Science under the Swastika. Oxford 2020.