„Wichtige Themen 2020 sind die Frauenförderung, Translationsforschung in der Neurologie und der Ausbau des DGN-Angebots für Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung“

Prof. Dr. Christine Klein

„Wichtige Themen 2020 sind die Frauenförderung, Translationsforschung in der Neurologie und der Ausbau des DGN-Angebots für Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung“ erzählt uns DGN-Präsidentin, Prof. Dr. Christine Klein (Lübeck) im Interview. Außerdem sprachen wir mit ihr über das vergangene Jahr und ihre wichtigsten Meilensteine als Präsidentin.

Beginnen wir mit einem kurzen persönlichen Rückblick: Wie waren für Sie diese ersten 12 Monate im Amt?

Da fallen mir spontan ganz viele positive Adjektive ein: spannend, erfüllend, zukunftsgerichtet. Es ist ein Privileg, an der Spitze einer Fachgesellschaft zu stehen, die insgesamt wirklich sehr gut aufgestellt ist und den vielfältigen Herausforderungen souverän begegnen kann. Aber natürlich bleibt noch viel zu tun, um die Neurologie als Schlüsselmedizin der Zukunft fest zu verankern. Daran arbeiten wir und ich will auch nicht verhehlen, dass das Amt eine hohe Arbeitsbelastung mit sich bringt. Aber der Einsatz lohnt sich, ich habe das Gefühl, dass wir wirklich viel bewegen können!

Zu Beginn Ihrer Amtszeit hatten Sie drei Kernbereiche definiert, denen Sie sich widmen wollen: Stärkung der Forschung, Nachwuchsförderung und seltene Erkrankungen. Was hat sich in diesen Bereichen bewegt?

Im Bereich der Nachwuchsförderung ist die DGN bereits sehr gut aufgestellt. Die Jungen Neurologen sind eine hochdynamische Gruppe, die aktiv (mit-)gestaltet und attraktive Angebote für Neurologinnen und Neurologen in der Ausbildung sowie für Medizinstudierende ausarbeitet. Beispielsweise ist sie federführend bei der Organisation der Neurosessions eingebunden, die unser Fach allen Studierenden der Medizin, auch in den frühen Semestern, an den Unis vorstellen, sowie an den Summer Schools und vielen Programmpunkten auf dem Kongress.

Zuträglich war auch das groß angelegte Clinician-Scientist-Programm der DFG, das den Nachwuchs, der sich für Forschung interessiert, deutlich stärkt. Deutschlandweit wurden 13 Plätze vergeben, also etwa jede dritte universitäre Neurologie hat davon profitiert. Solche Programme fördern den Nachwuchs und gleichzeitig die Forschung. Diese hat die Neurologie in den letzten Jahren weit vorangebracht und maßgeblich dazu beigetragen, dass sie sich von einem diagnostischen zu einem sehr therapierelevanten Fach entwickelt hat. Diese rasante Entwicklung konnte man in diesem Jahr auch an zahlreichen Publikationen und klinischen Studien – gerade auch im Bereich seltener Erkrankungen - ablesen, beispielsweise zum klinischen Einsatz genspezifischer Therapien wie eines Antisense-Oligonukleotids (ASO) bei der Chorea Huntington. Die weitere Beförderung solcher translationaler Forschung – gerade auch durch die Zusammenarbeit von „Clinician-Scientists“ und „Medical Scientists“, die zumeist Naturwissenschaftler sind, ist mir daher ein weiteres wichtiges Anliegen für 2020.

Was waren für Sie die wichtigsten Meilensteine im ersten Jahr Ihrer Präsidentschaft?

Ganz herausragend war für mich der Kongress als Kommunikations- und Fortbildungsforum. Besonders gefallen haben mir die neuen Formate, das wissenschaftliche Forum mit der Industrie und das gemeinsame Symposium mit unserem Gastland Österreich. Auch haben wir in Sachen Transparenz und Zusammenarbeit mit der Industrie viel erreicht; zusammen mit der Arbeitsgruppe Kongress haben wir inhaltlich und auch formal neue Standards etabliert.

Ein weiteres wegweisendes Projekt, das ich mit Herzblut vorangetragen habe, war „RE imagine MEDICINE“, ein multimediales „Graswurzel“-Projekt, das die Situation von Neurologen in Deutschland erhoben hat und zahlreiche Ideen generierte, wie wir unser Fach und insbesondere die Weiterbildung weiter nach vorn bringen können. Das Projekt hat enormes kreatives Potenzial gehoben und viele entscheidende Impulse gegeben.

Welche weiteren Themen werden Sie 2020 auf die Agenda nehmen?

Ich bin die erste Frau an der Spitze unserer Fachgesellschaft und im zweiten Jahr meiner Präsidentschaft werde ich einen besonderen Fokus auf die Frauenförderung legen. Speziell möchte ich mich mit der Fragestellung auseinandersetzen, warum so wenige Führungspositionen in der Neurologie durch Frauen besetzt werden, nur etwa 10% der Ordinaria sind weiblich. Ich denke, wir brauchen Formate, in denen die bestehenden Rahmenbedingungen diskutiert und Verbesserungen angeregt werden, innerhalb der Neurologie, aber ggf. auch mit anderen Stakeholdern, beispielsweise der DFG oder auch der Politik. Ich sehe hier Handlungsbedarf, denn seit Jahrzehnten gibt es insgesamt viele Frauen in der Neurologie, heute sind sie sogar deutlich in der Mehrheit – aber auf der Führungsebene sind nur wenige Neurologinnen angekommen. Wir können also nicht darauf warten, dass sich das Problem von allein löst bzw., selbst wenn es das täte, dauert es zu lange.

Außerdem wollen wir das Projekt „RE imagine MEDICINE“ weiterentwickeln. Aus der ersten Projektphase haben sich Handlungsfelder im Bereich der Weiterbildung ergeben und die DGN wird da spezifisch aktiv werden. Wir haben bereits damit begonnen, die DGN-Facharztrepetitorien in die Fläche zu bringen, geplant ist nun ein verbessertes Mentoring-System, in das wir emeritierte und berentete Kollegen einbeziehen möchten. Darüber hinaus steht es noch aus, die zahlreichen Freitextkommentare aus den fast 2000 Rückmeldungen zu „RE imagine MEDICINE“ auszuwerten, eine weitere Idee ist, unsere Partnerländer 2019 und 2020, Österreich und die Schweiz, einzuladen, das Projekt bei sich durchzuführen, was einen interessanten Vergleich ermöglichen würde.