Vom Symptom zum Syndrom: Phänotypische Klassifikation der neurogenen Dysphagie

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Bis dato gibt es nur wenig wissenschaftliche Evidenz für spezifische Therapien der neurogenen Dysphagie. In einer Studie, die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Neurology“ veröffentlicht wurde [1], wird nun erstmalig eine Klassifikation eingeführt, bei der die Dysphagie anhand des phänotypischen Störungsmusters eingeteilt wird. Ausgehend von einer systematischen Literaturrecherche und einer retrospektiven Analyse identifizierte ein interdisziplinäres Team aus Neurologen und Logopäden sieben verschiedene Störungsmuster. Die Störungsmuster wurden hierbei durch die Schluckendoskopie (FEES), die eine präzise Visualisierung des Schluckvorgangs ermöglicht, genauer charakterisiert. Anschließend wurde die Klassifikation anhand von 1012 FEES-Videos von Patienten mit verschiedenen neurologischen Erkrankungen validiert.

Hierbei zeigten sich deutliche Unterschiede in der Häufigkeit der sieben verschiedenen Störungsbilder in Abhängigkeit von der neurologischen Grunderkrankung: (1) „Vorzeitiges Abgleiten des Bolus in den Pharynx (= Leaking)" und (2) „Pathologischer Schluckreflex" traten hauptsächlich beim Schlaganfall auf, (3) „Residuen (Bolusreste nach dem Schlucken) in den Valleculae“ (=unzureichende pharyngeale Bolusreinigung) war am häufigsten beim idiopathischen Parkinson-Syndrom, (4) „Residuen im Sinus Piriformis" (=mögliche Störung des oberen Ösophagussphinkters) trat nur bei Myositis, Motoneuronerkrankungen und Hirnstamminfarkten auf, (5) „Pharynglolaryngeale Bewegungsstörungen" wurden bei atypischen Parkinson-Syndromen und Schlaganfall gefunden, (6) „Fatigue des Schluckens" war häufig bei Myasthenia Gravis, und (7) „Komplexe Dysphagie" mit einem heterogenem Störungsmuster war der führende Mechanismus bei amyotropher Lateralsklerose.

„Die Klassifikation mit Fokus auf das Störungsmuster ist ein Novum und komplementiert bisherige Klassifikationen, die sich ausschließlich auf den Schweregrad der Dysphagie beschränken“, kommentiert Prof. Dr. Tobias Warnecke als Erstautor die Ergebnisse. „Die Daten zeigen eindrucksvoll, dass die neurogene Dysphagie – vergleichbar mit Aphasie und Dysarthrie – kein bloßes Symptom, sondern ein multi-ätiologisches Syndrom darstellt“. Dr. Bendix Labeit, ebenfalls Erstautor der Studie erläutert die Bedeutung für die therapeutische Forschung: „Neben krankheitsspezifischen Befunden zeigen sich auch krankheitsübergreifende Störungsmuster. Zukünftig können ausgehend von dieser Studie transdiagnostische und störungsmusterspezifische Therapieansätze untersucht werden“. Prof. Dr. Rainer Dziewas, Letztautor und Federführender Autor der DGN-Leitlinie „Neurogene Dysphagien“ betont ebenfalls die differentialdiagnostische und -therapeutische Bedeutung der Klassifikation: „Bei vielen neurologischen Krankheitsbildern und insbesondere Parkinson-Syndromen und neuromuskulären Erkrankungen, können spezifische Dysphagiecharakteristika entscheidende Hinweise auf die Grunderkrankung liefern und so die Diagnosestellung erleichtern, aber auch helfen, therapeutische Interventionen zielgerichteter einzusetzen“.

Literatur

[1] Warnecke T, Labeit B, Schroeder J, et al. Neurogenic Dysphagia: Systematic Review and Proposal of a Classification System. Neurology. 2021;96:e876-e889.