Verleihung des Robert Wartenberg-Preises 2020 und 2021

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PD Dr. med. Ralph Weber, Essen, (l.) erhielt den Preis 2020 für seine Arbeiten zur Thrombektomie bei Verschlüssen großer Hirnarterien, Dr. Florin Gandor, Beelitz, (r.) wurde mit dem Preis 2021 für seine Arbeiten zu laryngopharyngealen Funktionsstörungen bei MSA ausgezeichnet.

Aufgrund der COVID-19-Pandemie erfolgte die Verleihung des mit 5.000 Euro dotierten Robert Wartenberg-Preises 2020 gemeinsam mit dem von 2021. Der Preisträger von 2020 ist PD Dr. med. Ralph Weber, Oberarzt der Klinik für Neurologie am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen. Ausgezeichnet wurden seine wegweisenden Arbeiten zur Thrombektomie bei Verschlüssen großer Hirnarterien. Preisträger von 2021 ist Dr. med. Florin Gandor, Oberarzt am Neurologischen Fachkrankenhaus für Bewegungsstörungen/Parkinson der Beelitz-Heilstätten. Seine prämierten Forschungsarbeiten befassen sich mit laryngopharyngealen Funktionsstörungen bei Multisystematrophie (MSA) und deren differenzialdiagnostischer Relevanz.

Verleihung des Robert Wartenberg-Preises 2020 an PD Dr. med. Ralph Weber

Die Thrombektomie bei Verschlüssen großer Hirnarterien ist in Deutschland inzwischen ein etabliertes Verfahren, jedoch wurden verschiedene Fragen zur Anwendung dieser neuen Methode bislang nicht ausreichend oder endgültig beantwortet. Die Arbeiten von Herrn PD Dr. med. Ralph Weber konnten die Datenlage zum Einsatz der Thrombektomie erweitern.

Während die Thrombektomie bei Großgefäßverschlüssen der vorderen Hirnzirkulation ein evidenzbasiertes Verfahren darstellt, publizierte Dr. Weber im „European Journal of Neurology“ eine größere Fallserie aus dem deutschen REVASK-Register zum Einsatz moderner Thrombektomiesysteme bei Verschlüssen großer Gefäße der hinterenHirnzirkulation [1]. Darin konnte er anhand von 139 konsekutiv und prospektiv erfassten Schlaganfallpatienten mit klinisch relevanten Defiziten zeigen, dass mit einer Thrombektomie bei Verschlüssen der A. vertebralis, A. basilaris und A. cerebri posterior eine ebenso hohe Rekanalisationsrate (71,6% vs. 76%) und ein vergleichbar gutes funktionelles Langzeit-Outcome erzielt wird wie bei Patienten mit Verschlüssen der vorderen Hirnzirkulation (n=961).

Auch die Problematik rezidivierender großer Gefäßverschlüsse gehört zu den Forschungsschwerpunkten des Preisträgers. In einer retrospektiven Fallserie wurden 35 Patienten (von insgesamt 2470 zwischen 2010-2018 am Alfried Krupp Krankenhaus Essen thrombektomierten Patienten) genauer analysiert [2]. Sie hatten im Abstand von 1 bis 872 Tagen den zweiten Verschluss einer großen Hirnarterie erlitten und eine erneute Thrombektomie erhalten. Es wurde insbesondere überprüft, ob bei der ätiologischen Abklärung nach dem ersten Schlaganfall etwas übersehen wurde oder ob möglicherweise eine ungeeignete Sekundärprophylaxe gewählt worden war. Am häufigsten traten wiederholte große Gefäßverschlüsse bei Patienten >70 Jahren in der Frühphase aufgrund von nicht oder nicht frühzeitig antikoaguliertem Vorhofflimmern auf. Dagegen lag die Ursache für den erneuten Gefäßverschluss im gleichen Hirngefäßterritorium bei jüngeren Schlaganfallpatienten (<70 Jahren) überwiegend in einer zunächst nicht detektierten Pathologie an der vorgeschalteten A. carotis interna (umschriebene Dissektion, „carotid web“, nicht-stenosierende ulzerierende Plaque), die dann mittels permanentem Stenting behandelt wurde.

Darüber hinaus wurde in der englischsprachigen internationalen Zeitschrift der DGN „Neurological Research and Practice“ eine Analyse veröffentlicht [3], die den Einsatz der Thrombektomie im klinischen Alltag in Deutschland von den Anfängen 2010 bis ins Jahr 2016 verfolgt. Es zeigte sich, dass durch die bestehende gute Infrastruktur mit regionalen und überregionalen Stroke Units und via neurovaskuläre Netzwerke die Thrombektomie rasch als neue Therapieoption implementiert wurde, dass jedoch Schlaganfallpatienten in ländlichen Gebieten immer noch signifikant seltener thrombektomiert werden. Auch alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede in der deutschlandweiten Akuttherapie von Schlaganfallpatienten wurden von Dr. Weber und Kolleginnen/Kollegen analysiert und in „Stroke“ publiziert [4]. Die Arbeitsgemeinschaft Nordwestdeutscher Stroke-Zirkel e.V. (zusammen mit Prof. Werner Hacke und Frau Prof. Valeria Caso) konnte zum ersten Mal zeigen, dass Frauen unabhängig vom Alter signifikant häufiger thrombektomiert werden und eine höhere Krankenhaussterblichkeit aufweisen, wohingegen sich die Thrombolyseraten zwischen Frauen und Männern nicht unterscheiden. Außerdem werden Frauen aller Altersgruppen signifikant seltener auf einer Stroke Unit behandelt. In einem sich anschließenden Projekt, das federführend von Prof. Klaus Berger vom „Qualitätssicherungsregister Schlaganfall Nordwestdeutschland“ durchgeführt wurde und an dem Herr Dr. Weber auch beteiligt war, wurden die Ursachen für diese unerwarteten Geschlechtsunterschiede unter Einbeziehung relevanter weiterer Kovariablen näher untersucht und aktuell in „Stroke“ publiziert [5].

Verleihung des Robert Wartenberg-Preises 2021 an Dr. med. Florin Gandor

Herr Dr. med. Florin Gandor wurde für seine Forschung zu laryngopharyngealen Funktionsstörungen bei Multisystematrophie (MSA) ausgezeichnet, wobei mit der flexiblen endoskopischen Evaluation des Schluckaktes (FEES) ein neuer hochsensitiver klinischer Biomarker zur differentialdiagnostischen Abgrenzung der MSA vom idiopathischem Parkinson-Syndrom (IPS) identifiziert werden konnte. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde erstmals ein standardisiertes Untersuchungsprotokoll entwickelt, um während der FEES systematisch die Larynxfunktion zu dokumentieren.

Wegweisend war bereits die Pilot-Studie von 2019 [6], in der an acht MSA-Patienten die Durchführbarkeit des Untersuchungsprotokolls belegt worden war. Das Protokoll umfasst eine Ruhebeobachtung des Larynx, gefolgt von bestimmten phonatorischen Aufforderungen an die Patienten, um laryngeale Muskeln selektiv anzusteuern bzw. zu testen. Die acht Patienten hatten unterschiedliche Sprachauffälligkeiten und Dysphagien, nur 2/8 hatten zusätzlich einen klinisch auffälligen laryngealen Stridor. In der FEES wurden jedoch bei allen Patienten anhand des Untersuchungsprotokolls Bewegungsstörungen des Kehlkopfes diagnostiziert. Im Vordergrund standen bei allen acht Patienten unwillkürliche irreguläre Bewegungen der Aryknorpelregion – ein Symptom, das bisher bei keiner anderen Erkrankung beschrieben ist. Aus dieser Beobachtung leitete Dr. Gandor die Hypothese ab, dass diese Aryknorpelbewegungen als klinischer Biomarker zur Bestätigung einer MSA dienen könnten – noch bevor eine entsprechende Symptomatik auftritt.

Um diese Hypothese weiter zu untersuchen, initiierte Dr. Gandor eine Kohorten-Studie, die 2020 hochkarätig im Journal „Movement Disorders“ publiziert wurde [7] – dabei würdigten die Editoren des Journals diese Publikation auf dem Titelblatt der Dezember-Ausgabe 2020 [8]. In der Studie wurde die Larynxdysfunktion an einer Kohorte von 57 MSA-Patienten anhand des MSA-FEES-Untersuchungsprotokolls systematisch erfasst und mit altersentsprechenden IPS-Patienten verglichen. Es bestätigte sich die hohe Inzidenz laryngealer Bewegungsstörungen bei MSA: Obwohl nur 43,9% der MSA-Patienten entsprechende klinische Symptome aufwiesen, wurden bei 93% Bewegungsauffälligkeiten im Kehlkopf nachgewiesen - gegenüber nur 1/57 der IPS-Patienten (1,8%). Wie in der Pilot-Studie waren irreguläre Aryknorpelbewegungen das häufigste Symptom (bei MSA 91% und gar nicht bei IPS). Der Befund war unabhängig von Faktoren wie dem MSA-Phänotyp, der Erkrankungsdauer oder dem Patientenalter.

Das Forschungsvorhaben wurde nun zu einer internationalen multizentrischen Studie erweitert, um das MSA-FEES Untersuchungsprotokoll an einer noch größeren MSA-Kohorte zu untersuchen und die Ergebnisse mit einer IPS-Kohorte und einer Kohorte aus Patienten mit Erkrankungen aus dem Spektrum der 4-Repeat-Tauopathien zu vergleichen.

Literatur

[1] Weber R, Minnerup J, Nordmeyer H et al. REVASK investigators. Thrombectomy in posterior circulation stroke: differences in procedures and outcome compared to anterior circulation stroke in the prospective multicentre REVASK registry. Eur J Neurol 2019; 26 (2): 299-305

[2] Weber R, Stracke P, Chapot R. Time Point, Etiology, and Short-Term Outcome of Repeated Mechanical Thrombectomy Due to Recurrent Large Vessel Occlusion. Front Neurol 2019; 10: 204

[3] Weber R, Eyding J, Kitzrow M et al. Distribution and evolution of acute interventional ischemic stroke treatment in Germany from 2010 to 2016. Neurological Research and Practice 2019, 1: 4

[4] Weber R, Krogias C, Eyding J et al. Age and sex differences in ischemic stroke treatment in a nationwide analysis of 1.11 million hospitalized cases. Stroke 2019; 50 (12): 3494-502

[5] Bonkhoff AK, Karch A, Weber R, et al. The female stroke - sex differences in acute treatment and early outcomes of acute ischemic stroke. Stroke. 2021, 52: 406–415

[6] Warnecke T, Vogel A, Ahring S et al. The Shaking Palsy of the Larynx—Potential Biomarker for Multiple System Atrophy: A Pilot Study and Literature Review. Front Neurol 2019 Mar 26; 10: 241  

[7] Florin Gandor F, Vogel A, Claus I et al. Laryngeal Movement Disorders in Multiple System Atrophy: A Diagnostic Biomarker? Mov Disord 2020 Dec; 35 (12): 2174-83

[8] Movement Disorders Journal December Issue. Mov Disord 2020  doi: https://doi.org/10.1002/mds.27766

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