Stellungnahme zur NS-Geschichte der DGN

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Die DGN blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Im Jahr 1907 als Gesellschaft Deutscher Nervenärzte (GDÄ) gegründet, wurde sie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zusammen mit dem Deutschen Verein für Psychiatrie zur Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater (GDNP) vereinigt; dies geschah 1935. Die Psychiatrische Abteilung der GDNP dominierte Ernst Rüdin, der nach dem „Führerprinzip“ auch als Erster Vorsitzender bzw. „Reichsleiter“ amtierte, während die Neurologische Abteilung von Heinrich Pette als Zweitem Vorsitzenden gelenkt wurde. Erst einige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgte 1950 die Neuformierung einer selbständigen Körperschaft unter dem bis heute bestehenden Namen Deutsche Gesellschaft für Neurologie.

Die DGN und ihre Vorläuferorganisationen haben von 1912 bis 2005 zehn Mal die Auszeichnung „Ehrenvorsitzender“ verliehen, um damit an die ihrer Ansicht nach besonderen Verdienste von Kollegen zu erinnern, die sich in außergewöhnlicher Weise um die Fachgesellschaft bzw. um das Gesamtgebiet der Neurologie verdient gemacht haben. Darüber hinaus hat die DGN seit dem Gründungsjahr 1907 neunzig „Ehrenmitglieder“ ernannt: Dazu zählen sowohl bedeutende Vertreterinnen und Vertreter des Faches als auch international angesehene Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen der Medizin und der Wissenschaft. Schließlich vergibt die DGN rund ein Dutzend Preise, von denen viele nach hoch geehrten Forschern aus der Vergangenheit benannt sind.

Allerdings haben Untersuchungen aus jüngster Zeit nachgewiesen, dass sich auch einige der so geehrten und erinnerten Neurologen und Neurowissenschaftler in unterschiedlichem Ausmaß mit der Ideologie des Nationalsozialismus identifiziert haben (siehe überblicksweise Nervenarzt Supplement 1/2016 und 1/2020). Neu erschlossene biographische Zeugnisse sowie deren Deutung und Bewertung führen fast zwangsläufig dazu, dass etliche zwischen 1950 und 1990 ausgesprochene Ehrungen ebenso wie mehrere Benennungen von neurologischen Wissenschaftspreisen aus der Sicht der Gegenwart als problematisch, wenn nicht sogar als unangemessen empfunden werden.

Die DGN distanziert sich entschieden von diesen Ehrungen. Gleichzeitig will sie ihre eigene Geschichte nicht einfach ignorieren oder verleugnen. Nach intensivem Austausch mit Medizinhistorikern hat sich der Vorstand der DGN deshalb dazu entschieden, keine der in der Vergangenheit verliehenen Ehrenpräsidentschaften und Ehrenmitgliedschaften rückwirkend abzuerkennen. Historische Gerechtigkeit ist auf diesem Weg nicht zu erreichen. Schwerer noch wiegt, dass eine Löschung belasteter Persönlichkeiten eben genau einer Verleugnung der eigenen Geschichte gleichkäme. Stattdessen werden die Namen von Ehrenpräsidenten, Ehrenmitgliedern wie auch Vorsitzenden aus der NS- und Nachkriegszeit auf dieser Website mit Kurztexten zu Links versehen, die Mitglieder und Interessierte zu den einzelnen Biographien führen.

Bei den Preisen hingegen, die ja primär die Empfängerinnen/Empfänger und weniger die Namensgeber würdigen sollen, werden nach und nach sorgfältig ausgewählte neue Namen die bekannten ersetzen.

Alle Initiativen dienen einem Ziel: Die DGN möchte eine Gemeinschaft mit einer sichtbaren und „zukunftsfähigen“ Geschichte – auch mit individuellen Gesichtern – bleiben und sich als traditionsreiche Fachgesellschaft gleichzeitig ihrem schwierigen historischen Erbe widmen, das sie in vollem Umfang auch für ihre Vorläuferorganisationen zusammen mit der damit verbundenen Verantwortung annimmt. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie wird die Erforschung ihrer Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit weiter intensiv vorantreiben und die Ergebnisse ihren Mitgliedern und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Hierzu gehört auch die bereits begonnene Aufarbeitung des Schicksals der vor, während und nach der NS-Zeit vertriebenen und ermordeten Neurologinnen und Neurologen.