Progressive multifokale Leukenzephalopathie – vielversprechender Therapieansatz mit allogenen BK-virusspezifischen T-Zellen

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Die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) stellt eine lebensbedrohliche schnell fortschreitende, demyelinisierende Erkrankung des zentralen Nervensystems dar. Sie wird hervorgerufen durch eine Infektion mit dem JC-Virus (JCV), welche durch polyätiologische Immundefizienzsyndrome begünstigt wird. Eine zugelassene, wirksame Therapie gibt es bislang nicht. Eine offene Fallserie beschrieb 2018 die erfolgreiche Behandlung von drei PML-Patienten mit allogenen virusspezifischen T-Zellen (Muftuoglu M, Olson A, Marin D, et al. Allogeneic BK Virus-Specific T Cells for Progressive Multifocal Leukoencephalopathy. N Engl J Med 2018;379:1443-1451.).

An der Klinik für Neurologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wurden nun erstmals in Deutschland zwei schwer an einer PML erkrankte Patienten erfolgreich mit BK-virusspezifischen T-Zellen behandelt, so Prof. Dr. med. Günter Höglinger, Direktor der Klinik.

Bei der Behandlung wurden BK-virusspezifische T-Zellen eingesetzt, die sich wegen einer Ähnlichkeit der JC- und BK-Virus-Epitope auch gegen das JCV richten, so Prof. Dr. med. Thomas Skripuletz, einer der federführenden Autoren der Studie (Hopfner et al., 2021). Die verabreichten BK-virusspezifischen T-Zellen stammten von partiell HLA-kompatiblen Spendern. Die Gewinnung von Stammzellen aus dem Blut erfolgte über eine Leukapherese. Im Gegensatz zu den vorbeschriebenen Fällen aus den USA wurden für die an der MHH behandelten Patienten geeignete Spender in kürzester Zeit mittels HLA-Typisierung aus einer voruntersuchten Spenderdatenbank mit potenziell zur Verfügung stehenden Spendern identifiziert. „Dieser Zeitvorteil erscheint besonders wichtig, weil die möglichst rasche Initiierung der Therapie für das Ausmaß des zu erwartenden Therapieerfolges entscheidend zu sein scheint“, so Höglinger.

Innerhalb weniger Wochen trat bei beiden Patienten eine Verbesserung aller neurologischen Symptome auf, einhergehend mit einem deutlichen Abfall der Viruslast im Liquor und einer Regression der bildmorphologischen Veränderungen im MRT. Zudem rief die Gabe der Spenderzellen bei den Patienten eine relevante Anzahl an endogenen BK- und JC-virusspezifischen T-Zellen hervor, „sozusagen als Aktivierung der eigenen Immunantwort“, so Frau Priv. Doz. Franziska Hopfner.

Die Therapie mit allogenen BK-virusspezifischen T-Zellen stellt ein innovatives und vielversprechendes Therapiekonzept zur Behandlung der bislang infausten und therapierresistenten Krankheit PML dar. Dieses hochkomplexe Therapieverfahren setzt ein schnelles Handeln nach Diagnosestellung sowie ein interdisziplinäres medizinisches Setting unter enger Kooperation verschiedener Fachdisziplinen voraus, insbesondere Neurologie, Neuroradiologie, Hämatologie, Transfusionsmedizin, Transplant-Engineering und Virologie. Die vorläufigen Ergebnisse dieses neuartigen Therapiekonzeptes wecken große Hoffnung – kontrollierte klinische Studien müssen unbedingt folgen, so Prof. Günter Höglinger.

An der Klinik für Neurologie der MHH wurden zwischenzeitlich weitere Patienten mit einer PML erfolgreich behandelt bzw. befinden sich aktuell in Behandlung. Anfragen zur Behandlung von PML-Patienten sowie zur Aufnahme in das PML-Register zur Dokumentation der natürlichen Krankheitsgeschichte als Basis für die Durchführung einer kontrollierten Therapiestudie können an folgende E-Mail-Adresse gerichtet werden: Cure.PML@mh-hannover.de

Referenz

Franziska Hopfner*, Nora Möhn*, Britta Eiz-Vesper*, Britta Maecker-Kolhoff, Jens Gottlieb, Rainer Blasczyk, Nima Mahmoudi, Kaweh Pars, Ortwin Adams, Martin Stangel, Mike P. Wattjes*, Günter U. Höglinger*, Thomas Skripuletz* Allogeneic BK virus-specific T cell treatment in two patients with progressive multifocal leukoencephalopathy. Neurology: Neuroimmunology & Neuroinflammation. In Druck.

https://nn.neurology.org/content/8/4/e1020