Neue Behandlungsoptionen bei Gliomen

© iStock/Ridofranz

Das komplexe Gebiet der Gliombehandlung erfordert ein hohes Maß interdisziplinärer Abstimmung. Die vollständig überarbeitete S2k-Leitlinie „Gliome“ (AWMF-Registernummer 030/099) stellt das diagnostische und therapeutische Prozedere bei Gliomerkrankungen im Erwachsenenalter dar. Sie versucht, gesicherte Standards in der Therapie von nicht gesicherten und nicht zu befürwortenden Therapiemaßnahmen abzugrenzen. Professor Dr. Wolfgang Wick, Heidelberg, hat die Arbeit an der Leitlinie koordiniert, die bis zum 31. Januar 2024 gültig ist.

Seit 2016 enthält die 4. WHO-Klassifikation der Tumoren des zentralen Nervensystems neben histologischen auch molekulare Kriterien für die Diagnostik von Gliomen und anderen Hirntumoren. Neue Empfehlungen erlauben eine auf molekularen Markern basierende Diagnosestellung von Glioblastomen, Isozitratdehydrogenase (IDH)-Wildtyp und haben die Nomenklatur sowie die Kriterien der Gradierung IDH-mutierter Astrozytome revidiert. DNA-Methylierungsanalysen erlauben eine Subgruppierung einzelner Gliom-Entitäten und zum Teil eine verbesserte diagnostische Zuordnung. Nicht mehr als eigenständige Tumorentitäten angesehen werden Oligoastrozytome und die Gliomatosis cerebri, da sie kein charakteristisches genetisches Profil aufweisen.  

Zur Leitlinie "Gliome"

Zur Pressemitteilung

Überlebenszeit verlängern

Bei Erkrankten mit behandlungsbedürftigen diffusen Gliomen des WHO-Grads 2 ergab der Vergleich zwischen Chemotherapie mit Temozolomid und einer Radiotherapie keine Unterschiede im progressionsfreien oder im Gesamtüberleben. Radiochemotherapie mit Procarbazin, CCNU (Lomustin) und Vincristin (PCV) war bei dieser Patientengruppe einer alleinigen Radiotherapie überlegen. Das Überleben von Patienten mit WHO-Grad-3 (anaplastischen)-Gliomen ohne 1p/19q-Kodeletion konnte durch eine Radiotherapie und nachfolgend zwölf Zyklen einer Temozolomiderhaltungstherapie gegenüber einer alleinigen Radiotherapie verlängert werden. Nach abgeschlossener Radiochemotherapie und stabiler Verlaufsuntersuchung verbesserte die Ergänzung elektrischer Wechselfelder das progressionsfreie und Gesamtüberleben für Patienten mit neu diagnostiziertem Glioblastom.

In der Primärtherapie von älteren Patienten mit Glioblastom war eine hypofraktionierte Radiochemotherapie mit Temozolomid und bis zu zwölf Erhaltungszyklen Temozolomid einer alleinigen Radiotherapie überlegen. Eine Therapie mit Lomustin zusätzlich zu einer Radiochemotherapie mit Temozolomid verlängert möglicherweise das Überleben von Patienten mit MGMT-Promotor-methylierten Glioblastomen in der Primärtherapie. In der Rezidivtherapie des Glioblastoms zeigt eine Kombination aus Bevacizumab und Lomustin einen Zugewinn an progressionsfreier Überlebenszeit ohne Verlängerung der Gesamtüberlebenszeit.

Patienten mit progredienten Serin/Threonin-Kinase B-Raf (BRAF)-V600E-mutierten niedriggradigen Gliomen können möglicherweise von einer pharmakologischen BRAF-Hemmung profitieren.

Experimentelle Behandlungsverfahren sollten trotz der schlechten Prognose vieler Patienten mit malignen Gliomen, insbesondere Glioblastomen, nur in Studien eingesetzt werden.

Nach oben springen