Empfehlungen der “World Muscle Society”(WMS) zur SARS-CoV-2-Impfung bei Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen

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Die WMS hat seit dem Beginn der COVID-19-Pandemie Empfehlungen für Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen und ihre medizinischen Betreuer bereitgestellt. In diesem Dokument werden Empfehlungen zur Impfung von Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen mit den neu entwickelten Impfstoffen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 gegeben. Es handelt sich um eine Zusammenfassung des Textes der WMS vom 22. Dezember 2020 (https://www.worldmusclesociety.org/news/view/covid-19-and-people-with-neuromuscular-disorders-world-muscle-society-advice-vaccines), den wir für Deutschland angepasst und ergänzt haben.

Seit Beginn der Pandemie wurde eine große Anzahl von Impfstoffen entwickelt. Laut dem „Coronavirus Vaccine Tracker“ der New York Times befinden sich derzeit 71 Impfstoffe in der klinischen Erprobung am Menschen. Bis heute haben 20 davon die Endphase der Erprobung erreicht. 12 Impfstoffe sind in verschiedenen Ländern für den vollen oder eingeschränkten Einsatz zugelassen worden, 3 derzeit in Deutschland.

Die Impfstoffe haben unterschiedliche Wirkmechanismen:

  • mRNA-basierte Impfstoffe (Moderna und Pfizer/BioNTech (beide haben eine Zulassung in Deutschland)), die eine Immunantwort gegen virale Spike-Proteine auslösen
  • Adenovirus-basierte Impfstoffe (CanSino, Gamaleya, Johnson&Johnson (alle drei haben in Deutschland noch keine Zulassung) – und Oxford- AstraZeneca (zugelassen in Deutschland)), die ebenfalls eine Immunantwort gegen virale Spike-Proteine auslösen. Im Unterschied zu den mRNA-Impfstoffen wird die Virus-mRNA hier über genetisch modifizierte Adenoviren in den Körper eingebracht.  Keiner dieser Impfstoffe verwendet Adeno-assoziierte Viren (AAV), wie sie in einigen Gentherapien eingesetzt werden.
  • Proteinbasierte Impfstoffe (Vector, Novavax), die zu einer Reaktion auf verschiedene im Coronavirus enthaltene Proteine führen.
  • Impfstoffe auf Basis inaktivierter Viren (Sinopharm-Beijing, Sinopharm-Wuhan, Sinovac, Bharat Biotech)

Zugelassene Impfstoffe wurden an gesunden Studienteilnehmern ohne schwerwiegende Grunderkrankung (im Alter über 16 Jahren) getestet und haben eine hohe Wirksamkeit bei der Prävention einer SARS- CoV2-Infektion gezeigt. In vielen Ländern laufen derzeit Impfprogramme.

Die Nebenwirkungen auf die Impfstoffe sind bisher gering. Überwiegend handelt es sich dabei um lokale Schmerzen, Fieber, Schüttelfrost und Muskelkater über wenige Tage. Anaphylaktische Reaktionen sind sehr selten und traten bislang bei mRNA-basierten Impfstoffen auf. Für gelegentlich im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung beschriebene periphere Fazialisparesen ist ein Kausalzusammenhang bislang nicht bewiesen. Das gesamte Spektrum der Impfnebenwirkungen, auch der seltenen, wird erst im weiteren Verlauf des Impfprogramms bekannt werden.

Nach Analyse der internationalen Impfprogramme gibt es bisher keine sicheren Daten dafür, einen Impfstoff gegenüber einem anderen zu bevorzugen. Der mögliche Einfluss von Virus-Mutationen auf die Wirksamkeit einzelner Impfstoffe bleibt abzuwarten.

Bei den bisher zugelassenen Impfstoffen gibt es keine Hinweise darauf, dass neuromuskuläre Erkrankungen ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen mit sich bringen.

Bislang ist allerdings noch nicht bekannt, ob Medikamente zur Immunmodulation oder Immunsuppression die Wirksamkeit der Impfung beeinträchtigen könnten. Daher wird ein zeitlicher Abstand zwischen solchen Behandlungen und der Impfung empfohlen. Hinweise zum praktischen Vorgehen finden sich in den Empfehlungen der Kommission Neuroimmunologie der DGN. Ob es Wechselwirkungen zwischen genetischen neuromuskulären Therapien und genetischen Impfstoffen mit viralen Vektoren oder mRNA-Mechanismen geben könnte, wird derzeit erforscht.

Derzeit gibt es für Patientinnen und Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen keine bekannten Kontraindikationen, die gegen die Durchführung einer Impfung sprechen. Das Vorliegen einer Muskelatrophie beeinflusst die Wirksamkeit von Impfstoffen, die durch intramuskuläre Injektion verabreicht werden, nicht. Patientinnen und Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen sollten sich vor einer Impfung individuell von ihrer behandelnden Neurologin/ihrem behandelnden Neurologen beraten lassen. 

Benedikt Schoser und Peter Berlit

Weiterführende Links

https://www.worldmusclesociety.org/news/view/150

https://www.who.int/news-room/q-a-detail/coronavirus-disease-(covid-19)- vaccines?adgroupsurvey={adgroupsurvey}&gclid=Cj0KCQiAifz- BRDjARIsAEElyGJRf2i_ld8yaip1bGAG_ldfus8GIFAkihYkD3- 7OJctRqxjisTKd6oaApPQEALw_wcB

https://www.who.int/publications/m/item/draft-landscape-of-covid-19-candidate-vaccines

https://www.gov.uk/government/collections/covid-19-vaccination-programme

https://myasthenia.org/MG-Community/COVID-19-Resource-Center

https://www.nytimes.com/interactive/2020/science/coronavirus-vaccine-tracker.html

https://www.fda.gov/emergency-preparedness-and-response/coronavirus-disease-2019-covid- 19/covid-19-vaccines

https://www.sarepta.com/sites/sarepta-corporate/files/2020-12/Community%20Bulletin_COVID19.pdf

https://www.ema.europa.eu/en/news/ema-recommends-first-covid-19-vaccine-authorisation- eu

https://www.ema.europa.eu/en/news/update-assessment-marketing-authorisation-application-modernas-mrna-1273-covid-19-vaccine

https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/961287/Greenbook_chapter_14a_v7_12Feb2021.pdf

https://www.rheumatology.org.uk/practice-quality/covid-19-guidance

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