Die DGN befürwortet das Telenotarzt-Konzept, fordert jedoch Einbindung einer neurologischen Expertise

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Mit Beschluss vom 18. Dezember 2020 empfiehlt der Innovationsausschuss des gemeinsamen Bundesausschlusses (G-BA) die Überführung des Telenotarzt Bayern-Konzepts zur Notfallversorgung in die Regelversorgung. Dabei wird der Rettungsdienst in der Diagnosestellung und Erstbehandlung durch einen telemedizinisch zugeschalteten Notarzt, also dem Telenotarzt, unterstützt.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hält diese Entscheidung grundsätzlich für begrüßenswert, weil hierdurch zusätzliche ärztliche Expertise schneller und früher in der Patientenversorgung verfügbar gemacht wird und damit ein Potenzial für eine konkrete Verbesserung der Qualität der Patientenversorgung entsteht. Dies ist gerade im ländlichen Raum, wo es teils schwierig ist eine schnelle Notarztversorgung vor Ort sicherzustellen, von enormer Bedeutung. Neurologische Leitsyndrome wie unklare Bewusstseinsstörungen, Anfallsgeschehen oder Schlaganfallsymptome gehören zu den häufigsten Notfällen im Rettungsdienst. Bei entsprechenden neurologischen Notfällen ist in der prähospitalen Versorgung neben spezifischen Therapien (z.B. beim Status epilepticus) und Maßnahmen zur Komplikationsvermeidung häufig eine schnelle Entscheidung über die optimale Wahl der weiterversorgenden Klinik erforderlich. All diese Teilaspekte erfordern eine fundierte diagnostische Einschätzung, die aufgrund der Vielfältigkeit neurologischer Symptome eine neurologische Ausbildung voraussetzt.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie fordert daher die Einbindung neurologisch-fachärztlicher Expertise in die telenotärztliche Beratung. Dies kann sowohl durch Einbindung von NeurologInnen in neu entstehende Telenotarztzentren erfolgen als auch durch Weiterleitung entsprechender Anfragen an bestehende teleneurologische Beratungszentren. Diese sind seit Jahren in Deutschland etabliert und sollten zusammen mit den neurovaskulären Zentren die Basis für die telemedizinische Notfallversorgung neurologischer Erkrankungen bilden. Diese Zentren haben bereits eine umfassende Erfahrung in der telemedizinischen Einschätzung und Beratung von zeitkritischen neurologischen Patienten.

Die telemedizinische Behandlungsführung neurologischer Erkrankungen, insbesondere beim Schlaganfall, gehört zu den häufigsten Anwendungen der Telemedizin überhaupt und wird bundesweit bereits in über 200 Kliniken praktiziert. Diese Entwicklung wurde durch zwei Faktoren entscheidend begünstigt: Zum einen sind neurologische Symptome meist sehr gut audiovisuell zu erkennen und damit über eine Video-Untersuchung zuverlässig erfassbar. Zum anderen sind die Effekte moderner Behandlungsoptionen wie die Schlaganfall-Lyse oder die katheterbasierte Thrombektomie (mechanische Gerinnselentfernung) extrem zeitabhängig, sodass eine Prognoseverbesserung durch frühestmögliche „Zuschaltung“ neurologischen Knowhows gerade in Kliniken ländlicher Regionen mehrfach gezeigt werden konnte.

Das Telenotarzt-Konzept bietet im Unterschied zum konventionellen Notarzteinsatz die Möglichkeit, je nach Leitsymptom die jeweils kompetenteste Fachrichtung zum Patienten zu bringen. Nur durch eine unmittelbare Einbindung einer fachärztlich neurologischen Expertise kann dieses Potenzial für Patienten mit neurologischen Notfällen auch genutzt werden – analog gilt dies auch für andere Fachrichtungen wie die Kinderheilkunde. Insbesondere durch Überwindung der Schnittstelle von der prähospitalen zur innerklinischen Versorgung kann dies zu einer deutlichen Verbesserung der zeitkritischen Prozesse führen. Gleichzeitig würde hierdurch auch die Voraussetzung für eine noch frühere Behandlung im Rahmen einer zukünftig verbesserten prähospitalen Diagnostik geschaffen werden. Nur mit einer neurologischen Beteiligung kann das Potential des Telenotarztes für die Versorgung von neurologisch erkrankten Patienten tatsächlich genutzt werden.

Prof. Dr. C. Gerloff und Prof. Dr. P. Berlit

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