Aktualisierte Stellungnahme: Auswirkungen der SARS-CoV-2-Pandemie auf die Versorgung zerebrovaskulärer Erkrankungen

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16. Dezember – Die aktuelle Pandemie des neuen Corona-Virus SARS-CoV-2 betrifft direkt und indirekt auch die Versorgung zerebrovaskulärer Erkrankungen weltweit und in Deutschland, und wöchentlich werden neue Daten zum Thema berichtet. Dazu hat die DGN-Kommission Zerebrovaskuläre Erkrankungen eine aktualisierte Stellungnahme ausgearbeitet.

  • Die Anzahl von wissenschaftlichen Publikationen zu Schlaganfall und COVID-19 nimmt weiter zu, täglich werden neue Artikel veröffentlicht. Am 16.12.2020 erbrachte eine Suche auf Pubmed mit den Schlaganwörtern „stroke“ und „COVID-19“ 1135 Ergebnisse. Dabei haben die neueren Publikationen keine wesentlichen neuen Aspekte zum Thema Schlaganfall und COVID-19 erbracht, sondern bestätigen weitgehend die bereits in früheren Arbeiten berichteten Trends und Beobachtungen.
  • Die European Stroke Organisation (ESO) bietet auf einer Website eine Übersicht über aktuelle Publikationen und Empfehlungen zum Thema Schlaganfall und COVID-19: https://eso-stroke.org/resources/covid-19/
  • Eine aktuelle Meta-Analyse fasst nach Screening von 2777 identifizierten Artikeln die Ergebnisse von 61 Arbeiten zusammen, welche Daten wenigstens fünf Patienten berichteten. Von 108.571 Patienten mit COVID-19 traten bei 1,4% cerebrovaskuläre Komplikationen auf, in der Mehrzahl ischämische Schlaganfälle (87%), seltener intracerebrale Blutungen (12%). COVID-19 Patienten mit akuter cerebrovaskulärer Erkrankung waren älter und hatten häufiger kardiovaskuläre Risikofaktoren sowie einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung als andere an COVID-19 erkrankte Patienten. Im Vergleich zu anderen Schlaganfallpatienten waren die Patienten mit Schlaganfall und COVID-19 jünger, schwerer betroffen und hatten häufiger den Verschluss eines großen Gefäßes. Außerdem war die Krankhaussterblichkeit etwa 5fach erhöht. 1
  • Eine Analyse von Krankenkassendaten zu 115.720 Krankenhauseinweisungen zeigte eine Abnahme der Raten an Krankenhauszuweisungen für cardiovaskuläre und cerebrovaskuläre Notfälle während der ersten Welle der COVID-10 Pandemie in deutschen Krankenhäusern im Vergleich zum Vorjahr. Die Zuweisungen für ischämischen Schlaganfall nahmen um 9% ab, die Zuweisungen mit transitorischer ischämischer Attacke (TIA) um 12%.2 Ähnliche Trends wurden weiterhin für andere Länder publiziert
  • In einer Analyse von mehr als 500.000 kardiovaskulären Todesfällen laut Totenschein in England und Wales von 2014 bis 2020 zeigte sich während der Zeit der COVID-19 Pandemie eine Zunahme von kardiovaskulärer Mortalität um 8% (Vergleich der beobachteten Mortalität mit der erwarteten Mortalität) . Dabei war die Zunahme der Tode zu Hause mit +35% am größten, gefolgt von der Zunahme der Mortalität in Pflegeheimen (+32%), während es in Krankenhäusern keine Zunahme der Mortalität gab. Schlaganfall war mit 36% die häufigste Todesursache. Nur 5% der kardiovaskulären Mortalität im Zeitraum seit März 2020 stand in Zusammenhang mit einer COVID-19 Erkrankung. Die Autoren folgern, dass die deutliche Zunahme kardiovaskulärer Mortalität zu Hause und in Pflegeheimen Folge einer veränderten Zuweisung und Behandlung von Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen während der COVID-19 Pandemie ist. Diese veränderte Praxis kommt in dem Motto zum Ausdruck, welches der National Health Service zu dieser Zeit ausgegeben hatte: „Stay at home, protect NHS, save lifes“. Dies hat im Hinblick auf die Versorgung kardiovaskulärer Erkrankungen fatale Folgen gehabt. 3
  • In einer Auswertung von Daten aus dem Deutschen Thrombektomieregister („German Stroke Registry-Endovascular Treatment“, GSR-ET) konnte gezeigt werden, dass während der ersten COVID-19 Pandemiewelle vom 1. März bis zum 31. Mai 2020 in den beteiligten Thrombektomiezentren in Deutschland die Anzahl der behandelten Patienten im Vergleich zum Vorjahr nicht zurückging. Gleichzeitig war auch das funktionelle Outcome der mit Thrombektomie behandelten Patienten vergleichbar zum Vorjahr. Auch die Prozesszeiten in den endovaskulären Zentren waren während der Pandemiezeit unverändert (z.B. „Door to Groin“). Lediglich bei Patienten, die zur Thrombektomie von einem primären Krankenhaus in ein interventionelles Zentrum verlegt wurden, verging während der Pandemie 2020 mehr Zeit zwischen Aufnahme und Leistenpunktion als im Jahr zuvor. Dies könnte nach den Autoren ein Hinweis darauf sein, dass Unsicherheiten bezüglich des SARS-CoV-2-Status der Patientinnen und Patienten zu Verzögerungen geführt haben. Zusammenfassend zeigt die Arbeit aber im Wesentlichen, dass auch während der Zeit der ersten COVID-19-Pandemiewelle in Deutschland die endovaskuläre Behandlung von Schlaganfallpatienten weitgehend unbeeinträchtigt und unverändert auf hohem Qualitätsniveau erfolgt ist.4 Dies steht durchaus in Kontrast zu Berichten aus anderen Ländern, wie z.B. den USA, wo mit leichter Verzögerung nach Beginn der Pandemie im April 2020 an vielen Zentren ein Rückgang der Thrombektomiezahlen beschrieben wurde5.
  • Die ESO hat die Ergebnisse einer internationalen Befragung von Schlaganfallzentren veröffentlicht. Antworten kamen von 426 Teilnehmern aus 55 Ländern. Mehr als Dreiviertel der Befragten gab an, dass während der COVID-19 Pandemie in ihren Zentren nicht alle Schlaganfallpatienten die übliche Behandlung erhielten. 71% schätzte, dass die oragnisatorischen Veränderungen infolge der COVID-19 Pandemie zu einer Verschlechterung der Versorgung und des funktionellen Outcomes von Schlaganfällen führt. Zusammen mit den Ergebnissen publiziert die ESO eine Reihe von Handlungsempfehlungen zur Sicherung der Schlaganfallversorgung während der COVID-19 Pandemie, die unter anderem folgende Punkte beinhalten: Priorisierung der Schlaganfallversorgung in der strategischen Planung; Information der Bevölkerung; ausreichender Schutz von Mitarbeiter*innen, welche Schlaganfallpatienten mit unbekanntem Infektionsstatus versorgen; Ausbau von Strategien zur telemedizinischen Versorgung.6

Quellenverweise:

1. Nannoni S, de Groot R, Bell S, Markus HS. Stroke in COVID-19: A systematic review and meta-analysis. Int J Stroke 2020:1747493020972922.

2. Seiffert M, Brunner FJ, Remmel M, et al. Temporal trends in the presentation of cardiovascular and cerebrovascular emergencies during the COVID-19 pandemic in Germany: an analysis of health insurance claims. Clin Res Cardiol 2020;109:1540-8.

3. Wu J, Mamas MA, Mohamed MO, et al. Place and causes of acute cardiovascular mortality during the COVID-19 pandemic. Heart 2020.

4. Tiedt S, Bode FJ, Uphaus T, et al. Impact of the COVID-19-pandemic on thrombectomy services in Germany. Neurol Res Pract 2020;2:44.

5. Qureshi AI, Siddiq F, French BR, et al. Effect of COVID-19 Pandemic on Mechanical Thrombectomy for Acute Ischemic Stroke Treatment in United States. J Stroke Cerebrovasc Dis 2020;29:105140.

6. Aguiar de Sousa D, van der Worp HB, Caso V, et al. Maintaining stroke care in Europe during the COVID-19 pandemic: Results from an international survey of stroke professionals and practice recommendations from the European Stroke Organisation. Eur Stroke J 2020;5:230-6.