Zweitimpfung bei Patientinnen und Patienten mit Autoimmunerkrankungen nicht hinauszögern

Bei der COVID-19-Impfung von Patientinnen und Patienten mit Autoimmunerkrankungen kommt es besonders auf die zweite Impfdosis an. Sie sollte nach Ansicht einer holländischen Wissenschaftlergruppe nicht hinausgezögert werden. In einer Substudie [1] bei Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus zwei prospektiven Kohortenstudien beobachteten sie bei älteren Menschen unter immunsuppressiver Therapie nach nur einer Impfung eine verzögerte Serokonversion. Die wiederholte Exposition, sei es aufgrund einer vorangegangenen Infektion oder durch Zweitimpfung, verbesserte die humorale Immunität maßgeblich.

Sind nach einer ersten COVID-19-Impfung bei Immunsupprimierten wenig Antikörper nachweisbar, bedeutet das nicht, dass die Impfung nichts bewirkt hat. Wichtig ist aber offenbar die wiederholte Exposition. Das haben Forscher und Forscherinnen von der Universitätsklinik in Amsterdam herausgefunden [1]. Sie untersuchten Serokonversionsraten und IgG-Antikörper-Titer gegen die Rezeptor-bindende Domäne des SARS-CoV-2-Spike-Proteins nach COVID-19-Impfung bei insgesamt 632 Menschen mit Autoimmunerkrankungen und 289 Kontrollen. Diese waren an zwei Kohortenstudien zur Seroprävalenz von SARS-CoV-2 und zum Krankheitsverlauf von COVID-19 beteiligt. Zwischen Ende April 2020 und Anfang März 2021 waren dafür 3.682 Betroffene mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, 546 mit Multipler Sklerose und 1.147 gesunde Kontrollen rekrutiert worden. 

In der aktuellen Studie wurden nach der ersten Impfdosis 507 Patientinnen und Patienten und 239 Kontrollpersonen untersucht, nach der zweiten 125 und 50. Das mittlere Alter betrug 63 Jahre. 67% waren Frauen. Mehr als die Hälfte des Studienkollektivs erhielt eine Vektor-Vakzine.

Bei Patientinnen und Patienten mit Autoimmunerkrankungen, die sich bereits mit SARS-CoV-2 infiziert hatten, war die Serokonversionsrate nach der ersten Impfung mit 49% deutlich niedriger als bei gesunden Kontrollen mit vorangegangener Infektion. Diese serokonvertierten zu 73%. Vor allem war dies auf eine verminderte Antikörperproduktion bei denjenigen zurückzuführen, die mit Methotrexat oder anti-CD20-Antikörpern behandelt wurden. Unter einer anti-CD20-Therapie bildeten nur drei von sieben Betroffenen (43%) Antikörper; bei sämtlichen anderen Subgruppen kam es nach der zweiten Impfdosis in mehr als 80% zur Serokonversion.

Wer eine Infektion durchgemacht hatte und nur einmal geimpft wurde, sprach genauso gut an wie Nicht-Infizierte nach zweimaliger Impfung: Die Serokonversionsraten lagen bei 96% und 92%. Allerdings waren die IgG-Spiegel mit im Median 49 AU/ml versus 127 AU/ml nach zwei Impfungen niedriger als nach Infektion und einmaliger Impfung.

Die hier beobachteten Serokonversionsraten übertrafen die einer Studie mit Patienten und Patientinnen unter Methotrexattherapie nach zweimaliger Impfung mit BNT162b2 [2]. In dieser Studie erfolgten die Blutentnahmen allerdings bereits sieben Tage nach Impfung. In der aktuellen Studie waren es im Median 38 Tage. Deshalb geht die Autorengruppe davon aus, dass Methotrexat die Impfantwort eher nicht beeinträchtigt, sondern vornehmlich verzögert. Eine zweiwöchige Methotrexat-Pause, wie sie beispielsweise nach Influenza-Impfung zur Verbesserung der Impfantwort vorgeschlagen wird, sehen sie im Hinblick auf COVID-19 kritisch. Zumal eine hohe rheumatische Krankheitsaktivität mit einem schlechteren Outcome einer COVID-19-Infektion assoziiert ist.

Serokonversionsraten und die Titer spezifischer IgG waren in der aktuellen Studie bei den verschiedenen Autoimmunerkrankungen ähnlich. Offenbar spielt weniger die Grunderkrankung eine Rolle, sondern die jeweilige immunsuppressive Therapie. Eine Glukokortikoid-Monotherapie wirkte sich nicht auf die Antikörperantwort aus.

[1] Boekel L, Steenhuis M, Hooijberg F et al. Antibody development after COVID-19 vaccination in patients with autoimmune diseases in the Netherlands: a substudy of data from two prospective cohort studies. Lancet Rheumatolo 2021, Aug 6.

https://www.thelancet.com/journals/lanrhe/article/PIIS2665-9913(21)00222-8/fulltext

[2] Haberman RH, Herati RS, Simon D et al. Methotrexate Hampers Immunogenicity to BNT162b2 mRNA COVID-19 Vaccine in Immune-Mediated Inflammatory Disease. medRxiv [Preprint]. 2021 May 12:2021.05.11.21256917

https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.05.11.21256917v1

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