Zwei retrospektive Kohortenstudien zeigen klinischen Nutzen von Tocilizumab bei schweren COVID-19-Erkrankungen

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Kleine Studien aus China und Frankreich hatten bereits mögliche klinische Vorteile durch die Behandlung mit dem monoklonalen IL-6-Antikörper Tocilizumab für Patienten mit schwerer COVID-19-Pneumonie gezeigt. Dieser  Eindruck bestätigte sich jetzt in zwei retrospektiven Kohortenstudien: Eine retrospektive Kohortenstudie aus mehreren Kliniken in Norditalien [1] zeigte, dass die Zugabe von Tocilizumab (in fester Dosis) zusätzlich zur Standard-Behandlung das Risiko der invasiven Beatmung und Mortalität senken kann. Eine weitere retrospektive Kohortenstudie aus den USA [2] zeigte, dass schwer erkrankte Covid-19-Patienten nach Gabe von Tocilizumab weniger lang eine vasopressorische Unterstützung benötigten und sich schneller wieder erholten.

Von 1.351 eingewiesenen Patienten hatten 544 (40%), die in die italienische Studie [1] eingeschlossen worden waren, eine schwere COVID-19-Pneumonie (definiert nach Atemfrequenz, Sauerstoffbedarf, PaO2/FiO2-Ratio, pulmonalem CT-Befund). Die alleinige Standard-Behandlung (n=365) beinhaltete Sauerstoffgabe, antiretrovirale Medikamente (Lopinavir-Ritonavir oder Darunavir–Cobicistat), Hydroxychloroquin, Azithromycin und Heparin. Tocilizumab wurde nicht-randomisiert (sondern nach Verfügbarkeit, n=179) entweder intravenös (8 mg/kg; maximal 800 mg, einmalig oder mit zwei Infusionen in 12-stündigen Abstand) oder 324 mg subkutan verabreicht. In der Standardtherapie-Gruppe mussten im Verlauf 57/365 (16%) Patienten beatmet werden – gegenüber 33/179 (18%) der Tocilizumab-Gruppe (p=0,41). In der Standardtherapie-Gruppe starben 73 Patienten (20%); in der Tocilizumab-Gruppe (ohne Unterschied zwischen i. v. / s. c.) dagegen nur 13 (7%) der Patienten (p<0,0001). Unter Tocilizumab kam es bei 13% der Patienten zu Superinfektionen, unter der Standardtherapie nur bei 4% (p<0,0001). Dennoch war nach Adjustierung von Alter, Geschlecht, Klinik, Symptomdauer und SOFA-Score („sepsis-related organ failure assessment score“) die Tocilizumab-Behandlung mit einem signifikant geringeren Risiko für ein beatmungspflichtiges ARDS/ oder Tod assoziiert (HR 0,61; p=0,02).

Die Autoren weisen auf verschiedene Limitationen der Studie hin (z. B. „real-life setting“ ohne Randomisierung/Verblindung/Placebogruppe, keine optimale Gruppengleichheit), sehen aber dennoch die Beobachtungen aus bisherigen kleineren Studie bestätigt, dass Tocilizumab den Zytokinsturm abschwächen und so den Erkrankungsverlauf günstig beeinflussen kann.

Eine zweite retrospektive Kohortenstudie [2] aus den USA zeigte ebenfalls einen positiven Effekt des monoklonalen IL-6-Antikörpers bei schwerkranken COVID-Patienten. 51 Patienten waren in die Analyse eingeschlossen worden, die Mehrheit erhielt eine systemische Steroidtherapie, Hydroxychloroquin und Azithromycin. Bei 28 Patienten war zusätzlich eine Tocilizumab-Gabe erfolgt. Unter diesen Patienten war der Anteil der Beatmungspflichtigkeit zum Studienbeginn höher (68% vs. 22%). Im Ergebnis zeigte sich, dass die mit Tocilizumab behandelten Patienten weniger lang eine vasopressive Unterstützung benötigten. Die Medikation schien auch zu einer schnelleren klinischen Verbesserung und kürzerer Beatmungsdauer beizutragen, allerdings waren die Unterschiede zwischen den Gruppen hier nicht signifikant.

[1] Guaraldi G, Meschiari M, Cozzi-Lepri A et al. Tocilizumab in patients with severe COVID-19: a retrospective cohort study. Lancet Rheumatol 2020, June 24.

https://www.thelancet.com/journals/lanrhe/article/PIIS2665-9913(20)30173-9/fulltext

[2] Kewan T, Covut F, Jaghbeer MJ et al. Tocilizumab for treatment of patients with severe COVID–19: A retrospective cohort study. EClinicalMedicine 2020, June 20. 

https://www.thelancet.com/journals/eclinm/article/PIIS2589-5370(20)30162-0/fulltext