Zerebrale Sinus- und Venenthrombosen nach COVID-19-Impfung sind nicht Folge einer globalen Gerinnungsstörung

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Nach COVID-19-Impfung wurden, wenn auch sehr selten, zerebrale Sinus- und Venenthrombosen beobachtet. Es konnte bereits gezeigt werden, dass Vektor-Impfstoffe bei den Betroffenen eine Autoantikörperbildung gegen Thrombozyten auslösen. Eine neue Studie [1] analysierte nun umfangreiche Gerinnungsprofile gesunder Personen nach der ersten Gabe eines Vektor- oder mRNA-Impfstoffs. Die Studie lieferte keinen Hinweis darauf, dass die Impfstoffe das generelle Thromboserisiko erhöhen.

Wie und warum bzw. unter welchen Umständen SARS-CoV-2-Impfstoffe in seltenen Fällen eine Koagulopathie verursachen können, ist Gegenstand aktueller Forschung. In einer Ende Juni vorab publizierten Studie [1] sollte geklärt werden, ob die Impfstoffe ein prothrombotisches Milieu verursachen können oder bei Menschen mit Prädisposition für Gerinnungsstörungen zusätzliche Bedingungen für eine Hyperkoagulabilität schaffen. Nun wurden die Ergebnisse der umfassenden Gerinnungsanalyse bei Gesunden nach ChAdOx1-(AstraZeneca) oder mRNA-Impfung (BioNTech) publiziert. Die 190 Probanden sind Angehörige der Universität Padua bzw. arbeiten in der zugehörigen Universitätsklinik. Die Studie evaluierte die Gerinnungsprofile in Woche 2 nach der ersten Impfdosis und suchte nach Hinweisen auf eine globale Hyperkoagulabilität. Eine Kohorte von 28 ungeimpften Familienmitgliedern der Probanden diente als Kontrollgruppe. Das Gerinnungsmonitoring umfasste neben der Thrombozytenzahl spezielle Laboruntersuchungen wie die sogenannte Impedanz-Aggregometrie (Messung der Aggregation) zur Prüfung der Thrombozyten-Funktion, die Thrombelastometrie zur Prüfung der Stabilität des Blutgerinnsels sowie die Bildung des Gerinnungsfaktors Thrombin aus der inaktiven Vorstufe Prothrombin (Faktor II). Insgesamt hatten 101 Probanden (53,2 Prozent) den AstraZeneca-Impfstoff und 89 (46,8 Prozent) die BioNTech-Vakzine erhalten. Die Ausgangsmerkmale waren für die Gruppen vergleichbar.

Bei Patientinnen und Patienten mit VITT wird zur Behandlung die Gabe hochdosierter intravenöser Immunglobuline (IVIG) kombiniert mit einer Antikoagulation empfohlen. Eine aktuelle Publikation [2] bestätigt den Therapieeffekt bei den ersten VITT-Patienten in Kanada nach Impfung mit ChAdOx1. Es handelt sich um zwei Männer und eine Frau im Alter von 63-72 Jahren. Zum Zeitpunkt dieses Berichts hatte Kanada den Einsatz des Impfstoffs auf Personen im Alter über 55 Jahre beschränkt. Zwei Betroffene hatten arterielle Thrombosen der Extremitäten, der dritte zusätzlich eine Hirnvenenthrombose. Nach Beginn der IVIG-Therapie ging die Antikörper-induzierte Plättchenaktivierung bei allen drei Betroffenen zurück. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass alle drei arterielle Thrombosen hatten, obwohl diese gegenüber venösen Thrombosen eher selten sind. Es sei denkbar, dass ältere Menschen mit VITT möglicherweise häufiger arterielle als venöse Thrombosen haben.

Eine mögliche Alternative zur IVIG-Therapie könnte die Plasmapherese darstellen [3]. Berichtet wird von drei Patientinnen/Patienten, bei denen das Verfahren angewendet wurde. 2/3 erholten sich trotz schwerer klinischer Manifestation (Patient 1 wurde nach der fünften Plasmapherese mit Rituximab behandelt, Patient 2 erhielt nach vier Plasmapheresen IVIG). Bei Patient 3 musste eine Beinamputation (unterhalb des Knies) durchgeführt werden. Die Autorinnen/Autoren spekulieren, dass die Plasmapherese umfangreichere Resektionen verhindert habe. Sie empfehlen den Einsatz des Verfahrens, wenn Thrombozytopenie und Thrombose nicht nach fünf Tagen abklingen, und zwar so lange, bis sich die Blutplättchenzahl normalisiert hat.

[1] Campello E, Simion C, Bulato C et al. Absence of hypercoagulability after nCoV-19 vaccination: An observational pilot study. Thrombosis Research. Published:June 25, 2021.

https://www.thrombosisresearch.com/article/S0049-3848(21)00377-7/fulltext

[2] Bourguignon A, Arnold DM, Warkentin TE et al. Adjunct Immune Globulin for Vaccine-Induced Thrombotic Thrombocytopenia. N Engl J Med 2021 Jun 9.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2107051

[3] Patriquin CJ, Laroche V, Selby R et al. Therapeutic Plasma Exchange in Vaccine-Induced Immune Thrombotic Thrombocytopenia. NEJM, July 7, 2021.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2109465