Widersprüchliche Studienergebnisse zur Interleukin-6-Blockade

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Zwei neue randomisiert-kontrollierte Studien zur antiinflammatorischen Behandlung schwer kranker COVID-19-Patienten mit Interleukin-6 (IL-6) - Antagonisten liefern widersprüchliche Ergebnisse. Die COVACTA-Studie zeigte nach Tocilizumab-Infusion gegenüber Placebo keine signifikante klinische Verbesserung und keine Senkung der Mortalität [1]. Der Verlauf und das 90-Tage-Überleben waren hingegen in der REMAP-CAP-Studie unter Sarilumab oder Tocilizumab signifikant besser als unter Standardtherapie [2]. Die widersprüchlichen Ergebnisse werden auf Unterschiede beim Zeitpunkt der Therapieeinleitung und den Wandel des Behandlungsregimes insgesamt zurückgeführt [3].

In der COVACTA-Studie [1] erhielten 452 Patienten mit schwerer COVID-19-Pneumonie und Sauerstoffsättigung ≤ 93 % 2:1 randomisiert entweder eine Infusion mit 8 mg/kg Körpergewicht Tocilizumab oder Placebo. Primärer Endpunkt war der klinische Zustand nach 28 Tagen auf einer Skala mit sieben Abstufungen von „entlassen bzw. entlassbereit“ (Stufe 1) bis Tod (Stufe 7). Im Median erreichten Patienten unter IL-6-Inhibition nach vier Wochen Stufe 1. In der Placebogruppe erreichten sie im Median Stufe 2: Sie waren zwar noch im Krankenhaus, aber nicht auf der Intensivstation und benötigten keinen Sauerstoff. Die Mortalität an Tag 28 war mit 19,7 % in der Tocilizumab- und 19,4 % in der Placebogruppe praktisch gleich.

Primärer Endpunkt der Studie REMAP-CAP [2] war die Zahl der Tage ohne Notwendigkeit einer Unterstützung der respiratorischen oder kardiovaskulären Organfunktion oder Tod im Krankenhaus innerhalb der ersten 21 Tage. Eingeschlossen wurden COVID-19-Patienten binnen 24 Stunden, nachdem eine Organunterstützung begonnen worden war. 353 erhielten einmalig Tocilizumab, 48 Sarilumab und 402 in der Kontrollgruppe eine Standardtherapie. Im Median konnte nach Tocilizumab an 11, nach Sarilumab an 10 und unter reiner Standardtherapie an keinem Tag der ersten drei Wochen auf eine therapeutische Unterstützung der Organfunktion verzichtet werden. 27% der mit Tocilizumab oder Sarilumab und 36 % der nach Standard behandelten Patienten starben während des Krankenhausaufenthaltes. Die Wahrscheinlichkeit, 90 Tage zu überleben, war bei Patienten, die IL-6-Hemmer erhalten hatten, um 61 % höher als bei Patienten mit Standardtherapie.

Im Editorial zu den Studien [3] werden die gegensätzlichen Ergebnisse auf Unterschiede bei den Einschlusskriterien, dem Zeitpunkt der Therapieeinleitung im Verhältnis zur Infektion und Schwere der Entzündungsreaktion sowie auf die verschiedenen primären Endpunkte und den Wandel des allgemeinen Behandlungsregimes zurückgeführt. So habe etwa in der COVACTA-Studie nur eine Minderheit der Patienten Glukokortikoide erhalten, was inzwischen aber bei schwerer COVID-19-Erkrankung zur Standardtherapie gehöre.

[1] Rosas IO, Bräu N, Waters M et al.: Tocilizumab in Hospitalized Patients with Severe Covid-19 Pneumonia. N Engl J Med 2021.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2028700

[2] Gordon AC, Mouncey PR, Al-Beidh F et al. – The REMAP-CAP-Investigators: Interleukin-6 Receptor Antagonists in Critically Ill Patients with Covid-19. N Engl J Med 2021.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2100433

[3] Rubin EJ, Longo DL, Baden LR: Interleukin-6 Receptor Inhibition in Covid-19 — Cooling the Inflammatory Soup. N Engl J Med 2021.

https://www.nejm.org/doi/pdf/10.1056/NEJMe2103108?listPDF=true

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