Was aus der COVID-19-Pandemie künftig für die Entwicklung von Impfstoffen zu lernen ist

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In einem „Viewpoint“-Beitrag in „JAMA Neurology” kritisieren die Autorinnen Versäumnisse in der Politik der Impfstoffentwicklung gegen SARS-Viren. Die Impfstoffentwicklung wurde zu frühzeitig eingestellt. Wäre ein Impfstoff für SARS-CoV entwickelt worden und 2020 verfügbar gewesen, hätte er in der aktuellen Pandemie eingesetzt werden können und möglicherweise viele Opfer verhindert. Die Autorinnen sehen eine ähnliche Entwicklung im Bereich der Impfung gegen Varianten der Poliomyelitis – die akute schlaffe Myelitis (AFM).

Gegen das SARS-Virus (SARS-CoV) waren bis 2004 Impfstoff-Prototypen entwickelt worden, die jedoch, als die SARS-Epidemie vorüber war, nicht weiterverfolgt wurden; die finanziellen Mittel wurden umverteilt. Das Genom des aktuellen SARS-CoV-2-Virus ähnelt bis zu 80% dem von SARS-CoV, so dass ein bereits verfügbarer SARS-CoV-Impfstoff möglicherweise in der heutigen Pandemie hätte eingesetzt werden können oder zumindest der Impfstoffentwicklung gegen COVID-19 einen deutlichen Vorsprung verschafft hätte – ein Fehler, der sich nicht wiederholen sollte.

Die Autorinnen gehen weiter auf die Poliomyelitis ein. Beginnend in den 1940er-Jahren hat die „spinale Kinderlähmung“ der Menschheit viel Leid gebracht. Nach der segensreichen Entwicklung eines Impfstoffs in den 1950er-Jahren gelten trotz noch seltener sporadischer Fälle fast alle Länder weltweit heute als poliofrei. An Polio-Folgeschäden leiden jedoch auch heute noch immer Tausende der damals Erkrankten.

Von verschiedenen Enteroviren ist bekannt, dass sie eine polioartige Erkrankung, d. h. eine akute schlaffe Myelitis („Acute Flaccid Myelitis“/ AFM) auslösen können. Die Befunde der klinisch-neurologischen Diagnostik sowie der Elektrophysiologie und MRT sind der Poliomyelitis vergleichbar. Auch gastroenterologische oder respiratorische Infekte werden im Vorfeld gefunden. Gegen das Enterovirus A71 (EVA71) wurden in China zwei Impfstoffe entwickelt und zugelassen – in den USA dagegen nicht, was sich inzwischen, so die Autorinnen, als ähnlicher Fehler erweisen könnte wie die nicht verfügbare SARS-CoV-Impfung. Denn seit 2014 wird in Nordamerika und auch Europa zunehmend häufiger ein clusterartiges Auftreten von AFM-Fällen bei Kindern beschrieben, die auf das ähnliche Enterovirus D68 (EVD68) zurückzuführen sind.

Im Hinblick auf das große Leid, das einst durch die Poliomyelitis ausgelöst wurde, halten es die Autorinnen für dringend notwendig, durch eine zügige Impfstoffentwicklung neue AFM-Ausbrüche oder gar Epidemien zu verhindern – die technischen Möglichkeiten der Enterovirus-Vakzination seien vorhanden.

Rodenbeck SJ, Roos KL. Preventing an Acute Flaccid Myelitis Epidemic in the Time of a Pandemic. JAMA Neurol 2020 Jun 8 doi: 10.1001/jamaneurol.2020.1545. https://jamanetwork.com/journals/jamaneurology/article-abstract/2766802