Vor ECMO zerebrale Blutungen ausschließen

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Verschlechtern sich Patientinnen und Patienten mit COVID-19 neurologisch, ist es ratsam, eine intrakranielle Blutung auszuschließen. Dies gilt besonders vor Beginn einer extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO). Diesen Schluss zieht eine Gruppe deutscher Neurologinnen und Neurologen nach systematischer Auswertung der Daten aus 79 Studien mit insgesamt 477 COVID-19-Patientinnen und -Patienten mit zerebraler Blutung [1]. Deren Prävalenz lag zwar nur bei 0,85%, aber die Mortalität war mit 52% sehr hoch.

Von den im Median knapp 59 Jahre alten und überwiegend männlichen Studienteilnehmenden mit COVID-19 und ICB waren 23,3% kritisch an COVID-19 erkrankt, benötigten also eine mechanische Beatmung, eine Dialyse oder Katecholamine [1]. 62,7% erhielten eine Antikoagulation und 27,5% eine ECMO. Die häufigsten Blutungs-Subtypen waren Mikroblutungen in 54,7%, Parenchymeinblutungen in 33,7% und Subarachnoidalblutungen in 26,6%.

Dass trotz insgesamt nicht besonders hoher Prävalenz COVID-19-assoziierter Blutungen die Prognose sehr schlecht war, zeigten die abschließenden Werte auf der modifizierten Rankin-Skala (mRS) [1]. Individuelle Daten hierzu lagen für 118 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor. 91,5% dieser Kohorte hatte ein schlechtes Endergebnis, definiert als mRS von 3-6. Bei Gegenüberstellung der beiden Gruppen mit gutem und schlechtem Outcome (mRS 0-2 versus mRS 3-6) stellten sich nach Vergleich der Patientencharakteristika vier Merkmale heraus, die signifikant mit einem guten Outcome korrelierten:

  • die Zeit von COVID-19-Diagnose bis zur Diagnose der Blutung mit 9,5 versus 16 Tagen,
  • ein kritisches Krankheitsstadium mit 20% versus 66,7%,
  • Kopfschmerzen mit 40% versus 11,5%, und
  • eine Palliativbehandlung mit 0% versus 38,4%.

Eine Antikoagulation erwies sich in der Studie nicht als signifikanter Einflussfaktor. Da allerdings bei vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht genau eruiert werden konnte, ob sie Heparin in prophylaktischer oder therapeutischer Dosierung verabreicht bekamen, gehen die Autorinnen und Autoren davon aus, dass der Effekt einer Antikoagulation in der Studie womöglich unterschätzt wurde.

Ob die beobachteten Blutungen COVID-19-assoziiert sind oder eher durch die Behandlungsstrategien bedingt sind, lässt sich nach Einschätzung des Autorenteams nicht sagen. So kommen beispielsweise Blutungen grundsätzlich bei ECMO gehäuft vor. Auch liegen den diversen beobachteten Blutungsformen unterschiedliche Pathomechanismen zugrunde.

[1] Schmidbauer ML, Ferse C, Salih F et al.: COVID-19 and Intracranial Hemorrhage: A Multicenter Case Series, Systematic Review and Pooled Analysis. J. Clin. Med. 2022, 11, 605. https://doi.org/10.3390/jcm11030605

https://www.mdpi.com/2077-0383/11/3/605/htm

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