Viele Long-COVID-Symptome sind offenbar subjektiv

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Symptome, die Patientinnen und Patienten subjektiv einer stattgehabten SARS-CoV-2-Infektion zuschreiben, korrelieren nach den Ergebnissen einer großen, bevölkerungsbasierten Querschnittsstudie aus Frankreich [1] offenbar nicht mit dem serologischen Nachweis der Infektion. Einzige Ausnahme ist die Anosmie. Um Fehleinschätzungen zu verhindern, sollte man Betroffenen eine medizinische Untersuchung anbieten und zugleich kognitive und Verhaltensaspekte berücksichtigen.

Gerade beim Verlauf und dem Zurechtkommen mit chronischen Erkrankungen spielen in der Medizin immer auch individuelle Krankheitsvorstellungen eine entscheidende Rolle. Bei Long-COVID scheint das nicht anders zu sein. Jetzt wurden Querschnittsdaten einer Kohorte von 35.852 Freiwilligen aus der französischen Langzeitstudie CONSTANCES während der ersten Pandemiewelle ausgewertet [1]. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen der eigenen Annahme, COVID-19 gehabt zu haben, mit serologischen Ergebnissen eines SARS-CoV-2-ELISA (Enzyme-Linked Immunosorbent Assay) aus Trockenblut und selbstberichteten Symptomen über mindestens acht Wochen, wie sie auch bei Long-COVID berichtet werden. Abgefragt wurden unter anderem Schlafstörungen, muskuloskelettale Beschwerden, Fatigue, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, pulmonale, gastrointestinale und neurologische Symptome wie Parästhesien, Kopfschmerzen oder Anosmie. Zum Zeitpunkt der Befragung lag den Teilnehmerinnen und Teilnehmern das Ergebnis des ELISA-Tests vor. Dennoch glaubten weniger als die Hälfte derer mit positiver Serologie, tatsächlich COVID-19 gehabt zu haben. Umgekehrt nahmen dies aber etwa die Hälfte der Befragten mit negativem ELISA-Test trotzdem an. Zwischen der subjektiven Einschätzung und den Testergebnissen ergab sich somit keinerlei Korrelation. Dafür gaben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die meinten, die Infektion durchgemacht zu haben, signifikant häufiger persistierende Symptome an, mit Wahrscheinlichkeiten (Odds Ratio, OR) von 1,39-16,37. Einzig bei Schlafstörungen und Beeinträchtigungen des Hörens war der Zusammenhang nicht signifikant. Nach Berücksichtigung von Eigenangaben zur allgemeinen Gesundheit und von Symptomen einer Depression galt dies auch für Gelenk- und Rückenschmerzen.

Mit einem positiven Testergebnis korrelierte von allen abgefragten Symptomen lediglich die Anosmie, ein spezifisches Kardinalsymptom von COVID-19. Riechstörungen lagen dabei im Verlauf mit einer Wahrscheinlichkeit von 2,72 vor. Nur Hautprobleme waren mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,49 negativ mit einem positiven SARS-CoV-2-ELISA assoziiert.

Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, dass anhaltende Symptome, wie sie nach COVID-19 berichtet werden, offenbar insgesamt häufig in der Bevölkerung vorkommen und somit nicht SARS-CoV-2-spezifisch sind. Daher sollten sie weiter abgeklärt werden, um Fehlzuschreibungen als Long-COVID zu vermeiden.

[1] Matta J, Wiernik E, Robineau O et al.: Association of Self-reported COVID-19 Infection and SARS-CoV-2 Serology Test Results With Persistent Physical Symptoms Among French Adults During the COVID-19 Pandemic. JAMA Intern Med. 2021 Nov 8:e216454. doi: 10.1001/jamainternmed.2021.6454. Epub ahead of print.

https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2785832

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