Vakzine-induzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenie (VITT) nach Gabe von COVID-19-Vektorimpfstoffen

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In Zusammenhang mit COVID-19-Vektorimpfstoffen wird über das (sehr seltene) Auftreten thrombotischer Ereignisse (vor allem Sinus- und Hirnvenenthrombosen) in Kombination mit einer Thrombozytopenie berichtet. Eine Arbeitsgruppe aus Greifswald konnte nun einen immunologischen Pathomechanismus, ähnlich der heparininduzierten Thrombozytopenie (HIT), nachweisen. Eine Task Force der DGN hat in Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut einen Fragebogen zu den thrombotischen Impfkomplikationen nach COVID-19-Immunisierung entwickelt und bittet alle neurologischen Kolleginnen und Kollegen, Fälle von Sinus- und Hirnvenenthrombosen, intrazerebralen Blutungen oder zerebralen Ischämien in zeitlichem Zusammenhang mit einer COVID-19-Impfung fortlaufend zu melden.

In der Arbeit aus dem Institut für Immunologie und Transfusionsmedizin der Universität Greifswald (Prof. Greinacher und Kollegen) [1] wird über elf deutsche und österreichische Patienten mit thrombotischen Komplikationen nach Impfung mit ChAdOx1 nCov-19 (AstraZeneca), einem adenoviralen Vektorimpfstoff gegen das Spikeprotein von SARS-CoV-2, berichtet. 9/11 Patienten waren weiblich, das Alter lag zwischen 22 und 49 Jahren und die Ereignisse traten zwischen Tag 5 bis 16 nach der ersten Impfung auf. Manche Patienten hatten mehr als eine Thromboselokalisation (neun Hirnvenenthrombosen, drei Thrombosen im Splanchnikusgebiet, drei Lungenembolien und vier weitere), ein Patient erlitt eine fatale intrazerebrale Hämorrhagie. Insgesamt verstarben 6/11 Patienten, fünf Patienten zeigten Hinweise auf eine disseminierte intravasale Gerinnung (DIC). Obwohl kein Patient zuvor Heparin erhalten hatte, wurden bei allen Patienten plättchenaktivierende Auto-Antikörper gefunden. Der von den Autoren nachgewiesene Pathomechanismus dieser seltenen Impf-Nebenwirkung ähnelt der heparininduzierten Thrombozytopenie (HIT) Typ II, bei der es zur Antikörperbildung gegen den Komplex aus Plättchenfaktor 4 (PF4) und Heparin kommt. Bei der Vakzine-induzierten immunogenen thrombotischen Thrombozytopenie (VITT) findet sich eine PF4-Antikörperbildung ohne vorherige Heparinexposition. Leider ist der in vielen Laboren kommerziell angebotene HIT-Schnelltest zum Nachweis von PF4-Antikörpern nicht sensitiv für die Vakzine-induzierten Antikörper. Dies bedeutet, ein negatives Ergebnis im eigenen Labor schließt das Vorliegen von PF4-Antikörpern nach COVID-19-Immunisierung nicht aus. Wichtig ist die Durchführung eines HIT-ELISA. Um  falsch negative Befunde zu vermeiden, ist eine Rücksprache mit dem eigenen  Labor sinnvoll. Aktuelle Informationen zu diesem Test finden Sie auf der Website der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung: https://gth-online.org/.

In einer zweiten Publikation [2] aus Oslo wird von fünf Patienten aus einer Population von über 130.000 Geimpften berichtet, die 7-10 Tage nach der ersten Impfung mit ChAdOx1 nCoV-19 venöse Thrombosen mit Thrombopenie entwickelten. Es handelt sich in allen Fällen um zuvor gesunde Pflegekräfte im Alter zwischen 32 und 54 Jahren (4/5 weiblich) – ohne voraus gegangene Heparingaben. Auch hier wiesen alle hohe Antikörpertiter gegen den Plättchenfaktor-4-Polyanion-Komplex auf.

Auch nach der Impfung mit der Ad26.COV2.S-Vakzine von Johnson & Johnson/Janssen wurden entsprechende Fälle beobachtet [3]. Offensichtlich handelt es sich um einen Gruppeneffekt der rekombinanten Adenovirus-Vektor-Impfstoffe.

Auch nach mRNA-Impfstoffen wurden Sinus- und Hirnvenenthrombosen gemeldet, allerdings ohne assoziierte Thrombozytopenie. Hier ist bislang ein pathogenetischer Zusammenhang mit der Impfung nicht erwiesen.

Eine Task Force der DGN hat in Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut einen Fragebogen zu den thrombotischen Impfkomplikationen nach COVID-19-Immunisierung entwickelt. Ein positives Datenschutzvotum und ein Ethik-Votum liegen vor.  Alle Neurologischen Kliniken in Deutschland sind aufgefordert, Fälle von Sinus- und Hirnvenenthrombosen, intrazerebralen Blutungen oder zerebralen Ischämien in zeitlichem Zusammenhang mit einer COVID-19-Impfung fortlaufend zu melden. Weiter Information hier.

[1] Greinacher A, Thiele T, Warkentin TE et al. Thrombotic Thrombocytopenia after ChAdOx1 nCov-19 Vaccination. N Engl J Med. 2021 Apr 9.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33835769/

[2] Schultz NH, Sørvoll IH, Michelsen AE et al. Thrombosis and Thrombocytopenia after ChAdOx1 nCoV-19 Vaccination. N Engl J Med. 2021 Apr 9.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2104882

[3] Muir KL, et al. Thrombotic Thrombocytopenia after Ad26.COV2.S Vaccination. N Engl J Med. 2021 Apr 12, DOI: 10.1056/NEJMc2105869

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2105869

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