Thrombopenien, Thromboembolien und Myokarditiden kommen vor, doch der Impf-Nutzen scheint zu überwiegen

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Es mehren sich Daten, dass bestimmte Risiken von COVID-19-Impfungen wohl vorhanden sind, aber letztlich der zu erwartende Nutzen der Impfung überwiegt. Das sehen israelische Wissenschaftler angesichts von Myokarditiden bei jungen Männern nach Impfung mit BNT162b2 [1, 2] ebenso wie Forscher aus Südafrika, die Daten von fast 300.000 mit Ad26.COV2.S geimpften Beschäftigten im Gesundheitswesen ausgewertet haben [3]. In Schottland wurden bevölkerungsbasiert Daten von mehr als 2,5 Millionen Menschen analysiert, die ihre Erstimpfung vornehmlich mit ChAdOx1 oder BNT162b2 erhalten haben [4].

Berichte über thromboembolische Ereignisse nach COVID-19-Impfung, vornehmlich bei Jüngeren, haben in vielen Ländern dazu geführt, dass Impfungen mit einzelnen Vektorimpfstoffen ausgesetzt und später eher älteren Menschen verabreicht wurden. Um zu ermitteln, wie häufig Thrombozytopenie, thromboembolische und hämorrhagische Ereignisse nach COVID-19-Impfung tatsächlich sind, haben Wissenschaftler in Schottland jetzt Daten einer nationalen Kohorte ausgewertet [4].

Zugrunde liegen individuelle Patientendaten nahezu der gesamten schottischen Bevölkerung. Zwischen Dezember 2020 und Mitte April 2021 erhielten fast 58% der über 18-Jährigen die Erstdosis einer COVID-19-Vakzine: 1,71 Millionen bekamen ChAdOx1 (Oxford/AstraZeneca), 0,82 Millionen BNT162b2 (BioNTech/Pfizer) und weniger als 10.000 mRNA1273 (Moderna). Letztere wurden in dem Artikel nicht berücksichtigt.

Während sich für BNT162b2 keine erhöhten Risiken für eine idiopathische thrombozytopenische Purpura (ITP), arterielle Thromboembolien und Hämorrhagien ergaben, war das Risiko, in den ersten 27 Tagen nach Erstimpfung mit ChAdOx1 eine ITP zu entwickeln, nahezu sechsfach erhöht. Das entsprach einer Inzidenz von 1,13 pro 1.000 Impfdosen. „Dieses sehr geringe Risiko ist wichtig, muss aber im Kontext der sehr klaren Vorteile des ChAdOx1-Impfstoffs gesehen werden“, so die Autoren. Es entspreche dem ITP-Risiko bei anderen Impfungen, etwa gegen Influenza. Aus statistischen Erwägungen – es wurden zwei verschiedene Auswertungsverfahren angewandt – gehen die Autoren zudem davon aus, dass die aktuelle Studie das Risiko tendenziell eher überschätzt. 

Das Risiko für arterielle Thromboembolien war um 22% und das für hämorrhagische Ereignisse um 48% erhöht. Für cerebrale Sinusvenenthrombosen (CSVT) und andere seltene Erkrankungen ließen sich aufgrund geringer Zahlen keine Schlüsse ziehen. So ereigneten sich insgesamt nur 19 CSVT, wovon nur sechs im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung beobachtet wurden. Dies kam sowohl nach Gabe von ChAdOx1 als auch nach BNT162b2 vor.

Nachteile der Studie sind, dass Informationen zu Zweitimpfungen noch weitgehend fehlen und sich unter den Geimpften wenig Jüngere befinden: Nur rund 182.000 der mit ChAdOx1 Geimpften und 144.000 derer, die BNT162b2 erhielten, waren zwischen 16 und 39 Jahre alt.

In Südafrika erfolgte derweil eine Interimsanalyse [3] der Sicherheitsdaten von über 288.000 im Gesundheitswesen Tätigen, die eine Einzeldosis Ad26.COV2.S (Janssen/Johnson und Johnson) erhalten haben. Nur bei 2% wurde über unerwünschte Wirkungen berichtet, 81% davon waren mild bis mäßig. Nur bei fünf Geimpften wurden arterielle oder venöse thrombotische oder embolische Ereignisse beobachtet, Vakzine-induzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenien (VITT) kamen nicht vor.

In Israel, wo in großem Umfang BNT162b2 an Personen ab 16 Jahren verimpft wurde, wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums [1] zwischen Dezember 2020 und Mai 2021 275 Fälle einer Myokarditis berichtet, 148 davon in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung. Dies kam überwiegend nach der zweiten Dosis vor und wurde vor allem bei jungen Männern im Alter von 16-19 Jahren beobachtet. Wenngleich die meisten für bis zu vier Tage im Krankenhaus behandelt wurden, verliefen 95% dieser Myokarditiden mild. Nach Ansicht der Autoren überwiegt auch für jüngere Menschen, die im Allgemeinen nicht so schwer an COVID-19 erkranken, der Nutzen der Impfung weiter das Risiko [2].

[1] Surveillance of Myocarditis (Inflammation of the Heart Muscle) Cases Between December 2020 and May 2021 (Including). Pressemitteilung, Gesundheitsministerium Israel 02.06.2021.

https://www.gov.il/en/departments/news/01062021-03

[2] Vogel G, Couzin-Frankel J: Israel reports link between rare cases of heart inflammation and COVID-19 vaccination in young men. Science, online 01.06.21.

https://www.sciencemag.org/news/2021/06/israel-reports-link-between-rare-cases-heart-inflammation-and-covid-19-vaccination?utm_campaign=news_daily_2021-06-01&et_rid=759555636&et_cid=3793511

[3] Takuva S, Takalani A, Garrett N et al.: Thromboembolic Events in the South African Ad26.COV2.S Vaccine Study. N Engl J Med. 2021 Jun 2.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2107920

[4] Simpson CR, Shi T, Vasileiou Eet al.: First-dose ChAdOx1 and BNT162b2 COVID-19 vaccines and thrombocytopenic, thromboembolic and hemorrhagic events in Scotland. Nat Med. 2021 Jun 9.

https://www.nature.com/articles/s41591-021-01408-4

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