Thromboembolierisiko ist bei SARS-CoV-2-Infektion womöglich nicht höher als bei Influenza

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Nach den Ergebnissen einer dänischen landesweiten, populationsbasierten Kohortenstudie unter Einbezug von Registerdaten von über 9.000 Patienten [1] scheint das Thromboembolierisiko für SARS-CoV-2-Infizierte niedrig bis moderat zu sein. Ebenso wie das Risiko für größere Blutungen ist es offenbar nicht wesentlich höher als bei Patienten mit Influenza.

In einer landesweiten, populationsbasierten Kohortenstudie [1], unter anderem mit Registerdaten sämtlicher 9.460 bis zum 1. Mai 2020 SARS-CoV-2-PCR-positiv getesteter Patienten, ermittelten dänische Wissenschaftler ein 30 Tage-Risiko für venöse Thromboembolien (VTE) von insgesamt 0,4%: 0,2% bei nicht hospitalisierten und 1,5% bei stationär im Krankenhaus behandelten Patienten. Bei letzteren erhöhte sich der Prozentsatz auf 2,3%, wenn zusätzlich Verordnungsdaten hinzugezogen wurden. In einer SARS-CoV2-negativen Vergleichsgruppe aus dem Zeitraum 27.2.- 4.5.2020 erlitten insgesamt 0,3% (649 von 226.510 Patienten) und unter den stationär Behandelten 1,8% eine VTE. Bei 16.281 Influenzapatienten – hier wurden Registerdaten von 2010-2018 ausgewertet – waren es 1% bzw. 1,5%.

Schwerere Blutungen ereigneten sich bei 0,1% der nicht-hospitalisierten und 2,3% der hospitalisierten SARS-CoV-2-Positiven. Auch hier waren die Zahlen etwas höher, wenn zusätzlich Arztberichte ausgewertet wurden. Sie waren jedoch vergleichbar mit denen von Influenzapatienten und denen, die negativ auf das Coronavirus getestet worden waren. So erlitten unter den hospitalisierten Patienten 2,3 Prozent der SARS-CoV-2-positiven, 4,5% der negativ getesteten und 2,4% der Influenzapatienten schwere Blutungen.

Insgesamt wurden 16% der positiv getesteten, 12% der negativ getesteten und 59% der Influenza-Patienten im Krankenhaus behandelt. Insgesamt sei in allen Kohorten das Risiko für Lungenembolien ungefähr 3mal höher gewesen als das für tiefe Venenthrombosen (TVT). Die 30-Tage-Mortalität betrug 5,5% bei Patienten mit positiven SARS-CoV-2-Test, 1,3% bei SARS-CoV-2-Negativen und 5,7% bei Patienten mit Influenza.

Für eine Subgruppe von 582 SARS-CoV-2-infizierten Patienten aus sechs infektiologischen Abteilungen wurden zusätzlich die Arztberichte ausgewertet. Auf Normalstation erhielten 31% und auf der Intensivstation sämtliche Patienten eine Antikoagulation. Schwere Blutungen wurden bei 11% der intensivmedizinisch behandelten Patienten beobachtet.

Nach Einschätzung der Autoren bleibe es angesichts höherer VTE-Quoten in früheren Studien ohne Vergleichskohorten unklar, ob das VTE-Risiko bei SARS-CoV-2-Infektion das anderer Infektionen oder Erkrankungen tatsächlich übersteigt. Da mittlere oder therapeutische Dosierungen einer Antikoagulation in der Studie mit schweren Blutungsereignissen assoziiert waren, halten sie die derzeitige Evidenz für eine höher dosierte Antikoagulation für unsicher und empfehlen, Kosten und Nutzen kritisch abzuwägen.

Auch in Deutschland wird nach der gültigen S2k-Leitlinie zur stationären Therapie von Patienten mit COVID-19 [2] standardmäßig eine Thromboembolieprophylaxe mit niedermolekularem Heparin oder Fondaparinux empfohlen und gegebenenfalls bei zusätzlichen Risikofaktoren eine Intensivierung etwa mit der halben therapeutischen Dosis eines niedermolekularen Heparins (NMH) oder mit unfraktioniertem Heparin (Ziel: 1,5-1,8fache aPTT-Verlängerung) vorgeschlagen.

 [1] Dalager-Pedersen M, Lund LC, Mariager T al. Venous thromboembolism and major bleeding in patients with COVID-19: A nationwide population-based cohort study. Clin Infect Dis. 2021 Jan 5.

https://academic.oup.com/cid/advance-article/doi/10.1093/cid/ciab003/6064643

[2] Kluge S, Janssens U, Welte T et al. S2k-Leitlinie - Empfehlungen zur stationären Therapie von Patienten mit COVID-19 AWMF-Register-Nr. 113/001, Stand 23.11.2020.

https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/113-001.html