Therapeutische Heparinisierung womöglich vorteilhaft bei hospitalisierten COVID-19-Kranken ohne kritische Erkrankung

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Eine therapeutische Antikoagulation scheint bei stationär behandelten, aber nicht kritisch kranken COVID-19-Patientinnen/-Patienten im Vergleich zu einer reinen Thromboseprophylaxe die Überlebenswahrscheinlichkeit ohne Notwendigkeit einer organunterstützenden Therapie über 21 Tage zu erhöhen. Das ist das Ergebnis einer gerade als Pre-Print erschienenen offenen, adaptiv randomisiert-kontrollierten Studie mit 2.219 Teilnehmern [1].

Hintergrund der Studie [1], die den Peer-Review-Prozess noch nicht vollständig durchlaufen hat, ist die Beobachtung, dass thrombo-inflammatorische Prozesse Morbidität und Mortalität bei COVID-19 erhöhen können. Bei Einschluss in die Studie binnen 72 Stunden nach Klinikaufnahme durften die Patienten/Patientinnen noch keine Organunterstützung, beispielsweise Beatmung oder Vasopressoren, benötigen. Sie wurden in zwei Gruppen randomisiert. Eine Gruppe erhielt als Standardtherapie eine reine Thromboseprophylaxe, in der anderen wurde niedermolekulares oder unfraktioniertes Heparin in therapeutischer Dosis verabreicht. Zusätzlich wurden Subgruppen nach der Höhe der D-Dimere unterschieden: Eine mit mindestens zweifach erhöhten und eine mit geringer erhöhten D-Dimeren. Beendet wurde die Studie, sobald vorab festgelegte statistische Überlegenheitskriterien erfüllt wurden.

Mit 99%iger Wahrscheinlichkeit erhöhte die therapeutische Antikoagulation gegenüber der reinen Thromboseprophylaxe die Zahl der Tage ohne organunterstützende Therapie. Absolut verbesserte sich das Überleben bis zur Entlassung und ohne organunterstützende Therapie unter Vollheparinisierung gegenüber der Prophylaxedosis im Median um 4,6%.

In der Prophylaxe-Gruppe überlebten insgesamt 76,4% der Patienten/Patientinnen bis zur Entlassung ohne Organunterstützung in den ersten 21 Tagen. Die therapeutische Antikoagulation erwies sich unabhängig vom initialen Ausmaß der D-Dimer-Erhöhung als vorteilhaft: Die Wahrscheinlichkeit für die Überlegenheit der therapeutischen Heparinisierung betrug in der Untergruppe mit stärker erhöhten D-Dimeren 97,3% und in der mit geringerer D-Dimer-Erhöhung 92,9%. Die Patientinnen/Patienten in der Gruppe mit den stärker erhöhten D-Dimeren waren durchschnittlich älter und hatten mehr Komorbiditäten als die in der Niedrig-D-Dimer-Gruppe.

Schwere Blutungen traten insgesamt selten auf: bei 1,9% unter therapeutischer Antikoagulation und unter Prophylaxedosis bei 0,9%. Intrakranielle Blutungen oder Heparin-induzierte Thrombopenien wurden im Behandlungszeitraum nicht beobachtet. Angesichts unzureichender Daten aus randomisierten Studien variieren Empfehlungen und klinische Praxis der Antikoagulation bei COVID-19 bisher teilweise erheblich.

[1] Lawler PR, Goligher EC, Berger JS et al.: Therapeutic Anticoagulation in Non-Critically Ill Patients with Covid-19. medRxiv 2021.05.13.21256846. Preprint 17.05.2021.

https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.05.13.21256846v1