Spezifische Mikrobiom-Veränderungen bei postakutem COVID-19-Syndrom

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Angesichts neuer Studienergebnisse aus Hongkong [1] ist es theoretisch vorstellbar, künftig durch Analysen des enteralen Mikrobioms vorherzusagen, welche Patientinnen und Patienten nach der akuten Erkrankung wahrscheinlich ein postakutes COVID-19-Syndrom (PACS) entwickeln. Vielleicht ließe sich sogar durch gezielte Veränderung der Darmflora gegensteuern. Denn offenbar persistiert bei PACS-Betroffenen eine Dysbiose mit spezifischen Veränderungen.

In der prospektiven Studie [1] mit 106 COVID-19-Betroffenen mit unterschiedlichen Schweregraden der Akuterkrankung veranlassten chinesische Forscherinnen und Forscher mittels Schrotschuss-Sequenzierung serielle Analysen des fäkalen Mikrobioms und setzten dies mit persistierenden Symptomen nach sechs Monaten in Beziehung. Als Kontrollgruppe dienten 68 Menschen ohne COVID-19, bei denen Stuhlproben im Rahmen von Koloskopien gewonnen wurden.

Ein PACS, definiert als mindestens ein länger als vier Wochen nach Elimination von SARS-CoV-2 persistierendes Symptom, das nicht anderweitig erklärt werden konnte, wiesen nach 6 Monaten 76% der Patientinnen und Patienten auf. Die häufigsten Beschwerden waren Müdigkeit, Gedächtnisstörungen und Haarverlust. Die initiale Zusammensetzung des Mikrobioms war mit dem Auftreten eines PACS assoziiert. Während sich das Mikrobiom bei Infizierten, die kein PACS entwickelten, nach sechs Monaten erholt hatte und wieder dem gesunder Kontrollen entsprach, wiesen PACS-Patientinnen und -Patienten persistierende Veränderungen auf: So enthielt ihre Darmflora vermehrt Ruminococcus gnavus und Bacteroides vulgatus, dafür aber beispielsweise deutlich weniger an Faecalibacterium prausnitzii. Von diesem Kommensalen weiß man, dass er das Immunsystem des Wirts stärkt. Während persistierende Atemwegssymptome mit dem Vorhandensein opportunistischer Erreger im Darm korrelierten, waren neuropsychiatrische Symptome und Fatigue signifikant mit dem Vorkommen nosokomialer Darmpathogene assoziiert. Dazu zählten Clostridium innoccuum und Actinomyces naeslundi. Am deutlichsten war die negative Korrelation von PACS zu Butyrat-produzierenden Bakterien. Es ist bekannt, dass Butyrat, eine kurzkettige Fettsäure, sich günstig auf Hirnfunktion und -plastizität auswirkt und Butyrat-produzierende Mikroorganismen den Wirt vor vielen negativen Stressfolgen, wie Ängsten und auch Haarverlust, schützen können. Darüber hinaus fanden die Forscherinnen und Forscher auch Assoziationen zwischen dem Vorhandensein bestimmter Streptokokken im Darm und anhaltenden Atemwegssymptomen einschließlich Dyspnoe. Die Studienergebnisse sollten zunächst in größeren Kohorten und unterschiedlichen Bevölkerungen überprüft werden.

[1] Liu Q, Mak JWY, Su Q et al. Gut microbiota dynamics in a prospective cohort of patients with post-acute COVID-19 syndrome. Gut. 2022 Mar;71(3):544-552. Epub 2022 Jan 26.

https://gut.bmj.com/content/71/3/544.long

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