Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach SARS-CoV-2-Impfung können verhindert werden!

© iStock/Rasi Bhadramani

Vor wenigen Tagen erschien im „The New England Journal of Medicine“ eine wegweisende Arbeit [1] der Charité-Universitätsmedizin, der Universitätsmedizin Greifswald und des IGNITE-Netzwerks*. Darin wird eine Fallserie berichtet, in der sich Betroffene nach Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin wegen heftiger Kopfschmerzen vorstellten und alle Laborkriterien einer Vakzin-induzierten thrombotischen Thrombopenie (VITT) erfüllten, ohne dass jedoch die gefürchteten Hirn- oder Sinusvenenthrombosen vorlagen. Durch eine frühzeitige Behandlung konnten bei der Mehrzahl thrombotische Ereignisse verhindert werden. Eine weitere Studie [2] zeigte, dass nach zwölf Wochen bei der Mehrzahl der VITT-Betroffenen die pathogenen Antikörper zurückgegangen waren, mit langfristigen Komplikationen ist somit nicht zu rechnen.

Bereits Anfang April beschrieben Prof. Dr. Andreas Greinacher, Universitätsmedizin Greifswald, und Kolleginnen/Kollegen einen Mechanismus, der an eine Heparin-induzierte Thrombozytopenie mit Antikörperbildung gegen Plättchenfaktor 4 (PF4) erinnert, aber mit dieser nicht identisch ist, denn es war bei den berichteten Fällen nach Impfung mit Vektorimpfstoffen zu einer PF4-Antikörperbildung ohne vorherige Heparinexposition gekommen. Entsprechend wurde das Krankheitsbild als Vakzine-induzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenie (VITT) bezeichnet. Zu den Labortests zur Diagnose gehören vordringlich die Bestimmung der Thrombozytenzahl, zusätzlich Gerinnungstests mit INR, PTT, Fibrinogen und D-Dimeren und gezielt die Suche nach Antikörpern gegen Plättchenfaktor 4 (PF4) mittels ELISA (kein andersartiger HIT-Suchtest!), mit einem Plättchenaktivierungstest zur Bestätigung.

Die Charité-Universitätsmedizin, die Universitätsmedizin Greifswald und weitere IGNITE-Zentren (Mannheim, Leipzig, Augsburg, Erlangen) beschreiben in einer aktuellen Arbeit [1] eine Fallserie von elf Patientinnen/Patienten, die sich 5-18 Tage nach Impfung mit dem AstraZeneca Impfstoff mit heftigen Kopfschmerzen in Kombination mit einer Thrombozytopenie ärztlich vorstellten. Alle wiesen auch hohe D-Dimere und hohe anti-PF4-Antikörperspiegel auf. Bei Erstvorstellung konnte aber in keinem Fall eine zerebrale Sinus- und Venenthrombose (CSVT) diagnostiziert werden. Nur zwei wiesen zum Aufnahmezeitpunkt ein anderes thrombotisches Ereignis auf und erfüllten die VITT-Kriterien vollständig (bei beiden wurde eine Lungenembolie diagnostiziert).

Denn mit einer Ausnahme hatten alle Patientinnen/Patienten, die auch im Verlauf keine Thrombosen entwickelten, binnen fünf Tage nach Beginn der Kopfschmerzen eine VITT-spezifische Therapie mit therapeutischer Antikoagulation, hochdosierten Immunglobulinen oder Kortikoiden erhalten. Die vier übrigen Patientinnen/Patienten entwickelten Thrombosen und damit das Vollbild einer VITT; drei Betroffene zeigten intrakranielle Blutungen, zwei davon eine CSVT. Auffällig war, dass diese vier Patientinnen/Patienten erst verzögert eine Therapie erhalten hatten – eine Erkenntnis mit hoher Relevanz für den klinischen Alltag.

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass es offensichtlich ein Prä-VITT-Syndrom gibt, eine VITT ohne thrombotische Manifestationen – bei dem die schweren Kopfschmerzen somit kein Begleitsymptom, sondern ein Warnsymptom für die spätere Entwicklung eines VITT sein können, was einen Handlungsspielraum für frühzeitige, therapeutische Interventionen eröffnet.

Diese Erkenntnis ist von besonderer Bedeutung, da eine im August publizierte Studie aus UK erst gezeigt hatte, dass Vakzin-assoziierte zerebrale venöse Thrombosen gefährlicher sind – wir berichteten.

Eine weitere Studie [2] der Universitätsmedizin Greifswald zeigte nun, dass sich die pathogenen anti-PF4-Antikörper bei den meisten VITT-Patientinnen und -Patienten innerhalb von 12 Wochen (im Median) abbauen: 14 von 15 Betroffenen wiesen nach median 12 Wochen keinen positiven Plättchenaktivierungsassay mehr auf, weshalb die Autorinnen und Autoren empfehlen, mit der Zweitimpfung in jedem Fall so lange zu warten.

Literatur

[1] Salih F, Schönborn L, Kohler S et al. Vaccine-Induced Thrombocytopenia with Severe Headache. The New England Journal of Medicine 2021. September 15, 2021. DOI: 10.1056/NEJMc2112974.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2112974?query=featured_home

[2] Schönborn L, Thiele T, Kaderali L et al. Decline in Pathogenic Antibodies over Time in VITT. The New England Journal of Medicine 2021. September 8, 2021. DOI: 10.1056/NEJMc2112760

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2112760

*IGNITE! Ist eine Gruppe von klinisch und wissenschaftlich aktiven Neurologen und Neurochirurgen, die im Bereich Neuro-Intensivmedizin – vielfach in verantwortlicher Funktion – arbeiten. Die Gruppe hat sich zur Durchführung gemeinsamer oligo- und multizentrischer Studienprojekte innerhalb der DGNI zusammengefunden mit dem Ziel, gemeinsam aktiv im Verbund zu forschen. So soll die deutsche neurointensivmedizinische Forschung auf einem hohen Niveau mit belastbaren Fallzahlen weitergeführt werden.

Weitere Informationen unter:

https://www.dgni.de/forschung/ignite-initiative-klinischer-multizenter-studien/ueber-ignite.html

Nach oben springen