Sensibles Parsonage-Turner-Syndrom nach COVID-19-Infektion

© iStock/Albina Gavrilovic

Erfahrungen mit peripheren Nervenschäden nach durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion sind noch gering. In Rom wurde bei einer 47-jährigen Krankenschwester eine atypische Neuritis des Plexus brachialis mit Symptomen mehr als zwei Monate nach der akuten Infektionskrankheit beobachtet [1].

Die bis auf eine mit Protonenpumpenhemmern behandelte chronische Gastritis und gastroösophageale Refluxkrankheit gesunde Frau erkrankte gemäß dem Fallbericht [1] Anfang November 2020 nachweislich an COVID-19 mit extremer Müdigkeit, grippeähnlichen Symptomen, Husten, Myalgien und Appetitverlust. Als während der Selbstisolation neben Anosmie, Dysgeusie und Schlafstörungen Atemnot und Brustschmerzen hinzukamen, wurde sie stationär aufgenommen. Sie berichtete über starke brennende Brustschmerzen links mit Ausstrahlung in Schulter, Oberarm und oberen Hemithorax. Im thorakalen CT fand sich eine milde bilaterale Pneumonie, aber keine hinreichende Erklärung für die Brustschmerzen. Andere Ursachen wurden ausgeschlossen und die Patientin mit einer Glukokortikoidtherapie, die sowohl Atemwegssymptome als auch die Schmerzen linderte, entlassen.

Zwei Monate später wurde sie dann als Long-COVID-Patientin wieder aufgenommen. Neben Fatigue, Muskelschmerzen und verändertem Geruchs- und Geschmackssinn persistierten die Brustschmerzen. Während Laboruntersuchungen, einschließlich umfangreicher Tests auf Autoantikörper, ebenso wie ein EKG, eine Untersuchung der Lunge inklusive Lungenfunktionstests und eine psychologische Evaluation unauffällig waren, war die neurologische Untersuchung auffällig: Es bestand eine schmerzhafte Dysästhesie im Bereich der linken Schulter mit ventral betonter Ausstrahlung bis in den Unterarm und eine Hypästhesie im Bereich von Th1. Motorische Ausfälle hatte die Patientin nicht. Die sensorische Nervenleitgeschwindigkeit war linksseitig mit einer Amplitudendifferenz von 50% deutlich vermindert, das EMG war unauffällig. Bei MRT-Signalveränderungen im Bereich des linksseitigen Truncus superior wurde letztlich die Diagnose einer atypischen, rein sensiblen Plexus brachialis-Neuritis (Parsonage-Turner-Syndrom) gestellt. Unter fortgesetzter Glukokortikoidtherapie und Gabe von Duloxetin und Gabapentin erholte sich die Patientin im Laufe der nächsten zwei Monate. Mögliche andere Ursachen für die Plexusschädigung, wie intensivmedizinische Behandlung oder Bauchlagerung, lagen nicht vor.

[1] Zazzara MB, Modoni A, Bizzarro A et al. COVID-19 atypical Parsonage-Turner syndrome: a case report. BMC Neurol. 2022 Mar 16;22(1):96.

https://bmcneurol.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12883-022-02622-4

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