Seltene neurologische Manifestationen bei COVID-19-Erkrankung: Kraniale Neuritis, kortikale Blindheit und Opsoklonus-Myoklonus-Ataxie-Syndrom

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Mit der steigenden Zahl an SARS-CoV-2-Infektionen werden zunehmend auch seltene und sehr seltene neurologische Manifestationen bzw. Komplikationen der Viruserkrankung beschrieben. Drei Kasuistiken und Fallserien – aus Italien, Großbritannien und dem Iran – beschreiben ungewöhnliche COVID-19-assoziierte neurologische Symptome.

Eine Kasuistik aus Italien [1] beschreibt zwei Patienten mit Neuropathien. Ein 42-jähriger Patient entwickelte nach überstandener intensivpflichtiger COVID-19-Pneumonie (Beatmung, hyperaktives Delir) eine asymmetrische kraniale Neuritis mit rechtsseitigem Horner-Syndrom und bilateraler Hypoglossusbeteiligung (Zunge mit Denervationszeichen bei unauffälligem EMG anderer Muskeln und regelrechtem zerebralem MRT). Der Liquor war unauffällig. Ein 67-jähriger Mann mit COVID-19-Pneumonie und komplizierender Klebsiellen-Sepsis fiel nach der Extubation mit einer linksseitigen Hypoglossusparese auf (Dysarthrie, Schluckstörung, Zungenabweichung), die anderen Hirnnerven waren unauffällig. Es bestanden außerdem eine Armschwäche (beidseitige Brachialisparese), eine diffuse Hyporeflexie sowie eine zytoalbuminäre Dissoziation im Liquor. Bei beiden Patienten besserte sich die Symptomatik nach intravenöser Immunglobulintherapie (IVIG) innerhalb weniger Tage. Die Autoren diskutieren eine mögliche direkte virusbedingte Schädigung neuraler Strukturen. Allerdings legen der erhaltene Geruchs- und Geschmacksinn und die zumindest bei einem Patienten nachgewiesene zytoalbuminäre Dissoziation sowie das prompte Ansprechen auf IVIG eine immunvermittelte Pathogenese nahe.

Ein weiterer Fallbericht [2] beschreibt eine 54-jährige Patientin mit SARS-CoV-2-Pneumonie, die einer langen Intensivtherapie bedurfte (ARDS, SIRS/Sepsis), und kortikaler Blindheit. Ein posteriores reversibles Enzephalopathie-Syndrom (PRES) wurde nach wiederholten generalisierten tonisch-klonischen Krampfanfällen mittels cMRT diagnostiziert. Nach der Extubation (einen Monat nach der stationären Aufnahme) wurde eine vollständige kortikale Blindheit mit Anosognosie festgestellt (Anton-Syndrom). Eine schwere Sehminderung persistierte auch noch nach acht Wochen. Nur bei einem von drei Fällen eines COVID-19-assoziierten PRES in der Literatur wurde bislang eine kortikale Sehstörung beschrieben – und auch nur transient. Die Autoren diskutieren, wie SARS-CoV-2-Infektionen zu einem PRES führen können. So seien ein kritischer Erkrankungsverlauf (Sepsis) und Hypertonie mögliche Risikofaktoren. Eine besondere pathogenetische Rolle scheine auch die endotheliale Dysfunktion zu spielen.

In einer Fallserie von sechs Männern und einer Frau (39 bis 54 Jahre) werden COVID-19-assoziiert Varianten eines Opsoklonus-Myoklonus-Ataxie-Syndroms (OMS) beschrieben [3]. Nach Beginn der COVID-19-Erkrankung (meist Fieber, Husten und milde bis moderate Lungenaffektion, nur in einem Fall schwer) entwickelten die Patienten innerhalb von drei Tagen bis drei Wochen Myoklonien und eine Ataxie, zwei auch einen Opsoklonus. Eine symptomatische Behandlung erfolgte mit Clonazepam, Levetiracetam oder Valproat. Kein Patient wies Zeichen einer Enzephalopathie auf. Die weitgehende Erholung innerhalb von einer bis zu acht Wochen bei den Patienten, die intravenöse Immunglobuline (IVIG) erhielten, spreche für die immunologische Genese des OMS. Die Autoren fordern, diesem Syndrom im Rahmen von COVID-19 mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Insbesondere dürfe es bei pulmonal instabilen oder beatmeten Patienten nicht übersehen werden, da die Immuntherapie mit IVIG zügig eingeleitet werden muss.

[1] De Gennaro R,Gastaldo E, Tamborino C et al. Selective cranial multineuritis in severe COVID-19 pneumonia: two cases and literature review. Neurol Sci 2021 Jan 30 doi: 10.1007/s10072-021-05087-4. Online ahead of print.

https://link.springer.com/article/10.1007/s10072-021-05087-4

[2] Elhassan M, Saidahmed O, Adebayo A et al. Persistent Cortical Blindness Following Posterior Reversible Encephalopathy Syndrome (PRES) as a Complication of COVID-19 Pneumonia. Cureus 2021 Jan 19; 13(1): e12794. doi: 10.7759/cureus.12794.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7817550

[3] Emamikhah M, Babadi M, Mehrabani M et al. Opsoclonus-myoclonus syndrome, a post-infectious neurologic complication of COVID-19: case series and review of literature. J Neurovirol 2021 Jan 25; 1-9  doi: 10.1007/s13365-020-00941-1. Online ahead of print.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7831695/

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