Schwerer COVID-19-Verlauf vor allem bei B-Zell-depletierten Myasthenia gravis-Patienten

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Neurologinnen/Neurologen aus Tschechien haben bei 93 Patienten mit Myasthenia gravis (MG) und COVID-19 untersucht, wie sich die Erkrankungen wechselseitig in ihrem Verlauf beeinflussen [1]. Schwer an COVID-19 erkrankten besonders MG-Patienten mit unzureichender Krankheitskontrolle, solche, die bereits im Vorfeld eine verminderte funktionelle Vitalkapazität (FVC) im Lungenfunktionstest hatten, langfristig Glukokortikoide erhielten, kürzlich Rituximab erhalten hatten, älter waren oder ein Tumorleiden hatten.

In der bislang wohl größten untersuchten Kohorte [1] von MG-Patientinnen/-Patienten mit COVID-19 bekamen 38% eine schwere Pneumonie, 11% starben. Dabei war vor allem die Einnahme oraler Glukokortikoide (GC) mit einem erhöhten Risiko für eine schwere Pneumonie assoziiert, und zwar um so stärker, je höher die Dosis war. Dass Patienten, deren MG vor der Infektion nicht optimal eingestellt war, ein erhöhtes Risiko für eine schwere Pneumonie hatten, interpretieren die Autoren auch als Ausdruck einer höheren GC-Dosis in dieser Gruppe. Statistisch ließ sich das aber nicht differenzieren.

47% der Patienten/Patientinnen erhielten eine immunsuppressive Therapie. Während die Einnahme von Azathioprin, Mycophenolatmofetil und Ciclosporin keinen signifikanten Einfluss auf den COVID-19-Verlauf hatte, waren Patienten unter B-Zell-depletierender Therapie deutlich stärker gefährdet: Das Risiko, an COVID-19 zu sterben, war unter Rituximab auf das 35-Fache erhöht. In der Studienkohorte erhielten vier Patienten Rituximab. Der einzige Überlebende hatte einen schweren COVID-19-Verlauf. Er musste in der Klinik behandelt werden und benötigte eine Sauerstofftherapie. Bei ihm konnten bei wiederholter Testung im Verlauf keine IgG- und IgM-Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachgewiesen werden – ein Hinweis auf die unter Rituximab eingeschränkte antivirale Immunität.

Exazerbationen der neurologischen Grunderkrankung im Zuge der SARS-CoV-2-Infektion waren mit 15% eher selten und wurde nicht durch eine Behandlung mit Remdesivir, Konvaleszenten-Plasma oder Favipiravir, die einige Patienten/Patientinnen wegen der Infektion erhielten, getriggert.

Statistisch verlief COVID-19 zwar bei Patienten/Patientinnen, deren MG sich während der Infektion verschlechterte, nicht signifikant schwerer als bei denen ohne Exazerbation. Andererseits wiesen 30% der Patienten und Patientinnen, die letztlich starben, auch zunehmende MG-Symptome auf.

Das Autorenteam empfiehlt, bei MG im Falle einer SARS-CoV-2-Infektion eine vorbestehende immunsuppressive Therapie weder abzusetzen noch die Dosis abrupt zu reduzieren. Eine Behandlung mit anti-CD20-Antikörpern wie Rituximab sollte während der Pandemie nur bei schweren refraktären MG-Formen bei jüngeren Patienten ohne Komorbiditäten und in niedriger Dosierung als üblich erwogen werden. Das Pausieren einer bestehenden Rituximabtherapie sehen die Mediziner kritisch. Dies könnte sich wiederum durch dann erforderliche höhere GC-Dosen nachteilig auswirken. Die Gabe von Konvaleszentenplasma könnte hier eine Option sein, wenn MG-Patienten/-Patientinnen unter Rituximabtherapie schwer an COVID-19 erkranken. Zur Behandlung von Exazerbationen der MG im Rahmen einer SARS-CoV-2-Infektion werden intravenöse Immunglobuline und Tocilizumab diskutiert.

[1] Michala J, Michaela T, Adam T et al.: Predictive factors for a severe course of COVID-19 infection in myasthenia gravis patients with an overall impact on myasthenic outcome status and survival. Eur J Neurol. 2021 Jun 3.

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/ene.14951

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