SARS-CoV-2-Infektionen bei Multipler Sklerose: DMT führt nicht zu schwereren Verläufen

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Französische Wissenschaftler haben das „Covisep Registry” initiiert, welches Daten über SARS-CoV-2-Infektionen bei Multipler Sklerose (MS) sammelt. In einer multizentrischen Kohortenstudie haben sie nun retrospektiv Risikofaktoren für einen schweren COVID-19-Verlauf bei MS-Patienten analysiert. Patientencharakteristika, Outcome und auch der Einfluss einer DMT („disease modifying therapy“) wurden bewertet.

 Eingeschlossen wurden über fast 12 Wochen (März bis Mai) 347 MS-Patienten (ca. 70% Frauen) mit PCR-bestätigter SARS-CoV-2-Infektion bzw. dringendem COVID-19-Verdacht (klassische Symptomatik und CT-Befund). Primäres Outcome war der Schweregrad der Erkrankung, gemessen anhand einer 7-Punkte-Skala von 1 (keine Beeinträchtigung im Alltag) bis 7 (Tod) mit einem Cut-off-Wert von 3 (stationäre Behandlung, aber keine Sauerstoffgabe). Die mittlere MS-Erkrankungsdauer lag bei 13,5±10 Jahren, das mittlere Patientenalter bei 44,6±12,8 Jahren. 81,8% der Patienten erhielten eine DMT; der mediane EDSS („Expanded Disability Severity Scale Score“) betrug 2,0 (Range 0-9,5).

Im Ergebnis hatten 21% einen COVID-19-Schweregrad ≥3 (mittleres Alter 55 versus 42 Jahre bei <3); zwölf Patienten (3,5%) verstarben. Unabhängige Risikofaktoren für einen COVID-19-Schweregrad ≥3 (= stationäre Behandlung) waren das Alter (OR: 1,9 pro 10 Jahre), der EDSS (OR: 6,3 bei einem EDSS ≥6) bzw. progrediente MS-Verläufe, Adipositas (OR: 3,0) und Begleiterkrankungen (Diabetes mellitus, kardiovaskuläre oder pulmonale Erkrankungen). Mit der größten COVID-19-Variabilität war der EDSS assoziiert. Es gab mehr Patienten mit schwereren Verläufen bei Patienten ohne DMT (46%) als bei Patienten mit DMT (15,5%; p< 0,001). Eine Lymphopenie war bei schwereren COVID-19-Verläufen häufiger anzutreffen – außer unter einer Fingolimod-DMT: hier war der COVID-19-Schweregrad nicht mit der Lymphozytenzahl assoziiert. Bei 27% der Patienten wurde die DMT beendet oder (bei Intervalltherapien) ausgesetzt bzw. verschoben – dieses DMT-Management war jedoch nicht mit dem klinischen COVID-19-Verlauf assoziiert. Die Autoren betonen, dass die Daten die bisherigen Empfehlungen unterstützen, laufende DMTs nicht zu beenden und auch deren Beginn nicht zu verzögern, wenn eine Indikation besteht (Entzündungsaktivität, Relapse-Risiko, fortschreitende Behinderung).

Louapre C, Collongues N, Stankoff B et al. Clinical Characteristics and Outcomes in Patients With Coronavirus Disease 2019 and Multiple Sclerosis. JAMA Neurol 2020 Published online June 26, doi:10.1001/jamaneurol.2020.2581

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