SARS-CoV-2-assoziiertes inflammatorisches Syndrom als neue pädiatrische Erkrankungsentität?

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Während der SARS-CoV-2-Pandemie werden derzeit weltweit pädiatrische Kawasaki-Syndrom (KS)-ähnliche Erkrankungen beobachtet, die durch eine Multisysteminflammation mit Fieber und Organdysfunktionen gekennzeichnet sind, sich aber oft vom klassischen KS unterscheiden (wir berichteten am 4. Juni). Eine Studie aus UK [1] arbeitete nun erneut Unterschiede zwischen dem typischen KS und der SARS-CoV-2-assoziierten Form heraus und legt nahe, dass es sich um verschiedene Entitäten handeln könnte.

Es handelt sich um eine Fallserie von 58 Kindern (aus acht Kliniken in England vom 23. März bis 16. Mai) mit einem temporären SARS-CoV-2-assoziieten PIMS („Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome”), kurz PIMS-TS. Diese Serie wurde mit anderen pädiatrischen MIS („Multisystem Inflammatory Syndrom“)-Fällen aus Europa und den USA von 2002 bis 2019 verglichen: 1.132 Kinder mit KS, 45 mit KDSS („Kawasaki disease shock syndrome“) und 37 mit TSS („toxic shock syndrome“). Das Alter der 58 Kinder lag zwischen drei Monaten bis 17 Jahren (median 9 Jahre, IQR 5-14, 57% Mädchen). Alle hatten Fieber und unspezifische Symptome wie Bauchschmerzen (53%), Erbrechen (45%), Diarrhoe (52%), Exanthem (52%) und konjunktivale Injektion (45%). Laborchemisch hatten alle eine ausgeprägte CRP-Erhöhung (IQR 156-338 mg/l), die SARS-CoV-2-PCR war bei 15/58 (26%) positiv und SARS-CoV-2-IgG-Antikörper lagen bei 40/46 (87%) vor. Die Hälfte der Kinder (29/58) entwickelte eine Schocksymptomatik mit laborchemischen Hinweisen auf eine myokardiale Beteiligung (z. B. Troponin-Erhöhung); sie benötigten eine inotrope Therapie und Flüssigkeitssubstitution; 23/29 mussten beatmet werden. Bei 8/58 Kindern (14%) fand sich eine Koronarbeteiligung (Dilatation oder Aneurysmen). Der Vergleich der PIMS-TS- mit den klassischen KS- und KSSD-Fällen zeigt deutliche Unterschiede der klinischen und paraklinischen Merkmale: Kinder mit PIMS-TS waren älter (median 9 gegenüber 2,7 Jahren beim KS und 3,8 Jahren bei KSSD), die Entzündungszeichen waren ausgeprägter (CRP median 229 mg/l gegenüber 67 und 193 mg/l). Insgesamt erfüllten nur 13/58 (22%) die Kriterien eines klassischen KS gemäß den Kriterien der „American Heart Association“. 23/58 Kinder hatten nur Fieber und Entzündungszeichen ohne Zeichen eines KS oder Schocksymptomatik. Aufgrund der beobachteten Unterschiede postulieren die Autoren ein neues pädiatrisches, COVID-19-assoziiertes inflammatorisches Syndrom bzw. Krankheitsbild.

Die Autoren eines begleitenden Editorials [2] kommentieren, dass auch nach fünf Dekaden die Ätiologie des Kawasaki-Syndroms (KS) immer noch ungeklärt ist. Daher sei es schwierig, Aussagen zur Pathophysiologie eines COVID-19-assoziierten KS zu machen. Bei einem KS scheinen verschiedene Aspekte eine Rolle zu spielen: eine genetische Disposition, Umweltfaktoren sowie unbekannte Pathogene bzw. Trigger, die zu einer pathologischen Immunreaktion führen. Nach Ansicht der Autoren könnte es sein, dass SARS-CoV-2 ein MIS (oder auch KS) bei Kindern direkt triggert oder dass PIMS-TS eine Zwischenform darstellt. Ebenso sei denkbar, dass SARS-CoV-2 als Co-Stimulator wirkt und der Auslöser im Falle einer Infektion leichteres Spiel erhält. In jedem Fall sei beim PIMS-TS sowohl ein gastrointestinaler als auch respiratorischer infektionsassoziierter Ursprung möglich.

[1] Whittaker E, Bamford A, Kenny J et al. Clinical Characteristics of 58 Children With a Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome Temporally Associated With SARS-CoV-2. JAMA 2020 Jun 8 doi: 10.1001/jama.2020.10369. https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2767209

[2] McCrindle BW, Manlhiot C. SARS-CoV-2-Related Inflammatory Multisystem Syndrome in Children: Different or Shared Etiology and Pathophysiology as Kawasaki Disease? JAMA 2020 Jun 8. doi: 10.1001/jama.2020.10370. https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2767205