Robuste T-Zell-Impfantwort auch unter anti-CD20-Therapie bei MS

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Manche krankheitsmodifizierenden Wirkstoffe („disease modifying therapies“, DMT) gegen Multiple Sklerose (MS) wie Sphingosin-1-Phosphat (S1P)-Rezeptor-Modulatoren und anti-CD-20-Therapien können die humorale SARS-CoV-2-Impfantwort beeinträchtigen. Nach aktuellen Untersuchungen bei 101 MS-Betroffenen unter DMT [1] wird unter B-Zell-depletierender Therapie offenbar dennoch eine ausreichende T-Zell-Antwort generiert. Sie ist nicht nur robust, sondern sogar stärker als unter anderen oder keinen DMT. Über die Frage nach dem Impfansprechen hinaus können Studien zu COVID-19 bei MS wichtige Erkenntnisse zum pathophysiologischen Verständnis beider Erkrankungen bereitstellen. Ein italienisches Forschungsteam erörtert das in einer aktuellen Arbeit [2].

Ein Team der Abteilung für Neuroimmunologie an der Johns Hopkins University in Baltimore hat bei 101 MS-Erkrankten nach SARS-CoV-2-Impfung nicht nur die IgG-Antwort gegen das Spike-S1-Antigen im Serum untersucht, sondern auch die T-Zellantwort mittels eines Interferon-gamma-Tests [1]. Blutentnahmen erfolgten vier oder acht Wochen nach der abschließenden Impfdosis.

Passend zu Beobachtungen aus früheren Studien fand sich eine reduzierte humorale Impfantwort unter einer anti-CD20-Therapie. Hierunter konnte nur bei 22 von 39 Patienten und Patientinnen, also bei 56,4%, eine Antikörperbildung oberhalb des Cut-off-Wertes festgestellt werden. Von den 63 Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit anderen DMT oder ganz ohne DMT bildeten 59 (93,6%) ausreichend IgG. Die Wahrscheinlichkeit für eine humorale Immunantwort nahm mit dem Abstand zur letzten anti-CD20-Infusion zu. Die T-Zell-Antwort wurde in einer Subgruppe von 88 Personen (87%) überprüft. 86% davon hatten eine entsprechende Reaktion, darunter auch 96,9% von 33 mit anti-CD20-Behandelten. Interessanterweise fiel die T-Zell-Antwort unter B-Zell-depletierender Therapie sogar signifikant höher aus als bei dem restlichen Studienkollektiv: Die Zahl Spot-bildender Zellen (SFC) pro Million peripherer mononukleärer Zellen (PMBC) lag um rund 426% höher. Gegenüber Patienten unter anderen DMT lag die Steigerung um 290% höher.

Erklärungen für diesen überraschenden Befund könnten zum Beispiel sein, dass durch Depletion regulatorischer B-Zellen deren Hemm-Effekt auf die T-Zell-Aktivierung abgeschwächt wird oder dass in Abwesenheit von B-Zellen auch weniger regulatorische T-Zellen aktiviert werden. Auch lokale Veränderungen des entzündlichen Milieus an der Vakzinierungsstelle könnten eine Rolle spielen. Inwieweit die robuste T-Zell-Antwort trotz unzureichender Antikörperbildung die Betroffenen tatsächlich vor einer SARS-CoV-2-Infektion und ihren Folgen schützt, müssen weitere Studien klären.

Von eingehenden immunologischen Untersuchungen zu COVID-19 im Kontext von MS versprechen sich Neurowissenschaftler und Neurowissenschaftlerinnen aus Italien wichtige neue Erkenntnisse zur Pathogenese [2]. Virusinfektionen, und darunter wohl auch die SARS-CoV-2-Infektion, können die Neuroinflammation direkt und indirekt triggern und aufrechterhalten. Die Art und Weise, wie sowohl die akute COVID-19-Erkrankung als auch Long-COVID wesentlich von der Wirtsantwort auf das Virus abhängen, zeigt Parallelen zur MS. Zudem könnten andere MS-assoziierte Viren wie das Ebstein-Barr-Virus (EBV) oder Humane Endogene Retroviren (HERV) im Zusammenspiel mit SARS-CoV-2 den natürlichen Verlauf einer MS beeinflussen.

Implikationen ergeben sich womöglich auch für die COVID-19-Therapie. So werden die MS-Therapeutika Interferon-B, Fingolimod und Dimethylfumarat bereits klinisch bei COVID-19 getestet. Auch der Tyrosinkinase-Hemmer Masitinib, der in Phase-2B/3-Studien eine Wirksamkeit bei progressiver MS zeigte, ist womöglich ein potenter Coronavirus-Inhibitor.

[1] Gadani SP, Reyes-Mantilla M, Jank L et al. Discordant humoral and T cell immune responses to SARS-CoV-2 vaccination in people with multiple sclerosis on anti-CD20 therapy. EBioMedicine. 2021 Oct 16;73:103636.

https://www.thelancet.com/journals/ebiom/article/PIIS2352-3964(21)00429-1/fulltext

[2] Bellucci G, Rinaldi V, Buscarinu MC et al. Multiple Sclerosis and SARS-CoV-2: Has the Interplay Started? Front Immunol. 2021 Sep 27;12:755333.

https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fimmu.2021.755333/full

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