Psychischer Stress vor Infektion – ein möglicher Risikofaktor für Post-COVID-19

© iStock/tommaso79

Nach den Ergebnissen einer Untersuchung aus Boston, USA, mit fast 55.000 Befragten scheint psychischer Stress im Vorfeld einer SARS-CoV-2-Infektion das Risiko zu erhöhen, im Anschluss ein Post-COVID-19-Syndrom zu entwickeln [2]. Das gilt für Depression, Ängstlichkeit, Sorgen vor COVID-19 sowie für Einsamkeit und subjektiv empfundenen Stress, die im Zuge der Pandemie zugenommen haben.

Als mögliche Risikofaktoren der Post- und Long-COVID-19-Syndrome gelten höheres Lebensalter, weibliches Geschlecht, Übergewicht, Bluthochdruck, Immunsuppression, Asthma und eine schwere Akuterkrankung. Es gibt aber auch Hinweise auf psychische Einflüsse. Für eine prospektive Studie zu einem möglichen Zusammenhang zwischen psychischer Belastung und COVID-19-Folgen verwendete eine Arbeitsgruppe im Umfeld der Harvard T.H. Chan School of Medicine in Boston Daten aus drei fortlaufenden, großen Kohortenstudien: den „Nurses` Health Studies“ 2 und 3 sowie der „Growing Up Today Study“. Personen, die bis April 2020 nicht infiziert waren, wurden mittels validierter Fragebögen zu ihrer psychologischen Stressbelastung befragt und dann aufgefordert, bis November 2021 mindestens einmal an regelmäßigen Folgeumfragen teilzunehmen. Diese erfolgten im ersten halben Jahr monatlich, anschließend quartalsweise. Erfasst wurden SARS-CoV-2-Infektion, Post-COVID-19-Beschwerden und inwieweit letztere das tägliche Leben beeinträchtigten.

Von den Beteiligten arbeiteten 38% im Gesundheitswesen, 96,6% waren Frauen. Das Durchschnittsalter betrug 57,5 Jahre. Im Beobachtungszeitraum gaben 6% ein positives SARS-CoV-2-Testergebnis an. Adjustiert nach soziodemographischen Faktoren, Gesundheitsverhalten und Komorbiditäten ergaben sich für Depression, Ängstlichkeit, Sorgen vor COVID-19, Einsamkeit und subjektiven Stress Erhöhungen des relativen Risikos für Post-COVID-19 um 32, 42, 37, 32 und 46%. Das Risiko stieg in Abhängigkeit von der Zahl der Belastungsfaktoren. Mit Ausnahme des Faktors Einsamkeit machte es jedwede Art der psychischen Belastung wahrscheinlicher, dass Betroffene im Alltag durch Post-COVID-Symptome eingeschränkt waren. Verglichen mit Menschen ohne psychische Belastung entwickelten subjektiv Gestresste im Durchschnitt nach COVID-19 ein zusätzliches Langzeitsymptom.

Die Autorinnen und Autoren betonen, die Studienergebnisse sollten nicht dahingehend interpretiert werden, dass Post-COVID-19 eine psychosomatische Erkrankung sei. Schließlich hatten 40% derer, die im Studienverlauf ein Post-COVID-Syndrom entwickelten, zu Beginn keinerlei psychische Belastung. Wurden Patientinnen und Patienten mit psychiatrischen, kognitiven oder neurologischen Symptomen aus der Analyse ausgeschlossen, blieben die Ergebnisse gleich. Und: Während körperliche Aktivität durchaus vor Rezidiven psychischer Erkrankungen schützen kann, haben mehr als die Hälfte der von Post-COVID-19 Betroffenen die Erfahrung gemacht, dass sie ihre Beschwerden triggert. Diskutiert wird eine Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse mit nachfolgender Immundysregulation.

[1] Wang S, Quan L, Chavarro JE et al. Associations of Depression, Anxiety, Worry, Perceived Stress, and Loneliness Prior to Infection With Risk of Post-COVID-19 Conditions. JAMA Psychiatry. 2022 Sep 7. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2022.2640.

https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2796097

Nach oben springen