Psychisch kranke COVID-19-Patientinnen und -Patienten brauchen Zugang zur stationären Behandlung

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Nach den Ergebnissen eines systematischen Reviews mit Metaanalyse [1] verlaufen COVID-19-Erkrankungen bei Menschen mit vorbestehenden psychischen Störungen insgesamt ungünstiger, vor allem bei schwerer psychiatrischer Erkrankung, geistiger Behinderung und Suchterkrankungen. Gleiches gilt bei regelmäßiger Einnahme von Psychopharmaka. Die COVID-19- Mortalität bei psychischen Vorerkrankungen war insgesamt verdoppelt.

Entsprechende Bevölkerungsgruppen sollten bevorzugt geimpft werden und im Falle einer COVID-19-Erkrankung zeitnah in die Klinik eingewiesen werden. Dieses Fazit zieht das internationale Team von Forschenden aus Italien, Frankreich und den USA aus ihrem Review von 33 und ihrer Metaanalyse von 23 Studien [1]. Sie untersuchten die Mortalität, die Hospitalisierungsrate und die Aufnahme auf die Intensivstation von an COVID-19-Erkrankten mit psychischen Störungen oder dauerhafter Einnahme von Psychopharmaka.

In die Metaanalyse gingen Daten von fast 1,5 Millionen COVID-19-Patientinnen und -Patienten ein, von denen rund 44.000 psychische Störungen hatten. Den Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftlern ging es vor allem darum, die Risiken bei verschiedenen Erkrankungen und Psychopharmaka zu differenzieren.

Gegenüber COVID-19-Betroffenen ohne psychische Störung war das Mortalitätsrisiko bei psychotischen Erkrankungen um den Faktor 2,05, bei affektiven Störungen um den Faktor 1,99, bei Substanzgebrauch um den Faktor 1,76 und bei geistigen Entwicklungsstörungen um den Faktor 1,73 erhöht. Angststörungen hingegen erhöhten das Sterberisiko nicht. Die Einnahme von Antipsychotika erhöhte die Mortalität 3,71-fach, die von Anxiolytika 2,58-fach und die von Antidepressiva 2,23-fach.

Die Assoziation mit der Mortalität war für psychotische und affektive Störungen sowie für die Einnahme von Antipsychotika und Anxiolytika auch nach Berücksichtigung möglicher Einflussfaktoren wie Alter und Geschlecht signifikant.

Das Risiko, ins Krankenhaus eingewiesen zu werden, war bei Menschen mit psychischen Störungen gegenüber psychisch Gesunden 2,24-fach erhöht. Eine erhöhte Hospitalisierungsrate hatten aber nur Betroffene mit psychiatrischen Erkrankungen, vor allem mit Substanzgebrauch, nicht aber solche mit Psychosen.  Unterschiede bezüglich der Aufnahme auf Intensivstation ergaben sich nicht.

Während es im Hinblick auf die Mortalität keinen signifikanten Unterschied machte, ob die Patientinnen/Patienten auf die Intensivstation aufgenommen wurden, war das anfängliche Behandlungssetting und das Land sehr wohl auschlaggebend. So war das Sterberisiko dieser Patientengruppen in Europa und den USA am geringsten. Wichtig war, dass nur die Mortalität außerhalb des Krankenhauses bei psychisch kranken COVID-19-Patientinnen/-Patienten erhöht war, nicht aber, wenn sie hospitalisiert waren. Das untermauert, wie wichtig es ist, diesen Menschen zeitnah Zugang zu einer Klinikbehandlung zu ermöglichen.

[1] Vai B, Mazza MG, Delli Colli C et al. Mental disorders and risk of COVID-19-related mortality, hospitalisation, and intensive care unit admission: a systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry 2021 Jul 15:S2215-0366(21)00232-7.

https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(21)00232-7/fulltext

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