Post-COVID-19: Kaum handfeste Befunde trotz subjektiver neurologischer Beschwerden

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Auch wenn viele Menschen im Rahmen eines Post-COVID-19-Syndroms vor allem über Fatigue, Konzentrationsstörungen und Gedächtnisschwierigkeiten klagen, weisen bei eingehender neurologischer Untersuchung fast 86% keine objektivierbaren pathologischen Befunde auf. Am ehesten findet man diese bei Schwierigkeiten mit der Sensorik und Motorik. Das hat eine prospektive Kohortenstudie bei 171 Patientinnen und Patienten mit Post-COVID-19 an der Universitätsklinik Duisburg-Essen ergeben [1]. Sie deutet darauf hin, dass womöglich Somatisierung eine Rolle spielt.

Um neurologische Beschwerden im Rahmen von Post-COVID-19 besser einzuordnen, hat ein Forschungsteam der Universitätsklinik Duisburg-Essen eine Real-World-Kohorte, die die Delphi-Konsens-Kriterien der Weltgesundgesundheitsorganisation für Post-COVID-19 erfüllte, eingehend untersucht [1]. Es handelte sich um Patientinnen und Patienten, die sich zwischen Januar 2021 und Februar 2022 in der neurologischen Ambulanz vorstellten. Sie erhielten neurovaskuläre, elektrophysiologische und Blutuntersuchungen sowie neuropsychologische Tests und psychosomatische Untersuchungen, teilweise auch Kernspintomografien (MRT) oder Lumbalpunktionen. Fatigue wurde mit der „Fatigue Inventory Scale“ (FIS) erfasst.

Fast 67% der Betroffenen waren Frauen mittleren Alters mit milder bis moderater akuter COVID-19-Erkrankung. Nur 5% mussten stationär aufgenommen werden. Verglichen mit körperlich arbeitenden Menschen waren Berufsgruppen aus Verwaltung und Lehre und solche mit akademischer Qualifikation überrepräsentiert.

Fatigue, Konzentrationsprobleme und Störungen des Namensgedächtnisses wurden mit 58,2%, 58,2% und 32,7% am häufigsten beklagt. Die Müdigkeit war ähnlich ausgeprägt, wie man es von der Multiplen Sklerose (MS) kennt. Eindeutige Hinweise auf die Genese der Fatigue ergaben sich nicht. Die Oxygenierung des Blutes war unauffällig, strukturelle Veränderungen im MRT wurden nicht beobachtet, Hämoglobin war bei fast 98% normwertig. Kognitive Störungen waren breit über die einzelnen Kognitionsdomänen verteilt, ähnlich wie etwa bei Depressionen. Augenscheinliche Hirnveränderungen waren nicht nachweisbar.

Bei der Analyse der stark variierenden neuropsychiatrischen Syndrome konnten die Mediziner und Medizinerinnen drei Cluster abgrenzen: Eine Gruppe von 46 Personen mit vornehmlich Kopfschmerzen und Fatigue (Kopfschmerz-Cluster), 34 mit vornehmlich psychiatrischen Beschwerden plus Fatigue (Psycho-Fatigue) und 60 mit in erster Linie Fatigue und Konzentrationsstörungen (Fatigue-Konzentration).

Eine tatsächliche Schädigung des peripheren oder zentralen Nervensystems war nur äußerst selten auszumachen und dann eher auf eine spezifische andere neurologische Erkrankung zurückzuführen. Auffällige Befunde ergaben sich eher auf Seiten der Psychosomatik. So kristallisierten sich nicht nur vorangegangene psychiatrische Erkrankungen als Risikofaktor für Post-COVID-19 heraus, die Betroffenen hatten im PHQ15-Fragebogen (Patient Health Questionnaire 15) auch hohe Scores für Somatisierung. Diese korrelierten mit kognitiven Defiziten und der Ausprägung der Müdigkeit. Wenngleich dies darauf hindeutet, dass psychosomatische Einflussfaktoren eine Rolle spielen könnten, betonen die Autorinnen und Autoren die Notwendigkeit einer sorgfältigen Evaluation im Einzelfall, um keine neurologischen Erkrankungen jenseits von Post-COVID-19 zu übersehen. Das gilt vor allem für Menschen mit motorischen oder sensorischen Störungen.

[1] Fleischer M, Szepanowski F, Tovar M et al. Post-COVID-19 Syndrome is Rarely Associated with Damage of the Nervous System: Findings from a Prospective Observational Cohort Study in 171 Patients. Neurol Ther. 2022 Aug 26.

https://link.springer.com/article/10.1007/s40120-022-00395-z

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