Nichtinvasiver Nachweis von Nervenfaserschäden in der Cornea bei Post-COVID-Syndromen

Mit Hilfe der konfokalen Cornea-Mikroskopie („corneal confocal microscopy“, CCM) konnten Ophthalmologinnen und Ophthalmologen aus der Türkei bei Patientinnen und Patienten mit Long-COVID, vor allem bei solchen mit neurologischen Symptomen, einen Verlust kleiner Nervenfasern und vermehrt dendritische Zellen in der Hornhaut nachweisen [1]. Womöglich lassen sich so Long- und Post-COVID-Syndrome objektivieren. Vergleichbare Befunde wurden bereits bei anderen neuropathischen Erkrankungen beschrieben, etwa bei der idiopathischen Small-Fibre-Neuropathie oder der schmerzhaften diabetischen Neuropathie.

Entsprechend der Hypothese, dass möglicherweise eine Schädigung kleiner Nervenfasern den anhaltenden neurologischen und muskuloskelettalen Beschwerden nach durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion zugrunde liegen könnte, haben Ophthalmologinnen und Ophthalmologinnen von der Universitätsklinik in Konya in der Türkei, unterstützt von internistischen Kolleginnen und Kollegen, u.a. aus Qatar und dem Vereinigten Königreich, 40 Patientinnen/Patienten mit durchgemachter COVID-19-Erkrankung durchschnittlich nach 3,7±1,5 Monaten mittels CCM untersucht und die Befunde mit 30 gesunden Kontrollen verglichen [1].

Alle Teilnehmenden mussten Fragebögen ausfüllen: einen 28-Item-Fragebogen, der sich an der Long-COVID-Leitlinie der britischen Institutionen NICE („National Institute for Health Care and Excellence“), SIGN („Scottish Intercollegiate Guidelines Network“) und RCGP („Royal College of General Practitioners“) orientiert, um persistierende Symptome vier und zwölf Wochen nach Akutinfektion zu erfassen, den Douleur Neuropathique 4 (DN4) zur Ermittlung neuropathischer Schmerzen und einen Fibromyalgie-Fragebogen (FM-Q).

Die akute COVID-19-Erkrankung war bei 83% der Teilnehmenden mild oder moderat verlaufen, bei 10% schwer und bei 8% kritisch. Vier und zwölf Wochen nach der Akuterkrankung hatten 78% und 62% der Patientinnen und Patienten mindestens ein Long-COVID-Symptom, wobei 55% und 45% mindestens ein neurologisches Symptom aufwiesen.

Im Vergleich zu den Kontrollen fand sich bei den Untersuchten, die vier Wochen nach der akuten COVID-19-Erkrankung noch neurologische Symptome hatten, in der CCM eine signifikant niedrigere korneale Nervenfaserdichte und -länge sowie eine verminderte Dichte der Hornhautnervenäste. Zugleich war die Dichte sowohl reifer als auch unreifer dendritischer Zellen (DC) in der Hornhaut deutlich erhöht, was auf zugrundeliegende immunologische und inflammatorische Prozesse hindeuten könnte. Bei Long-COVID-Patientinnen/-Patienten ohne neurologische Symptome fanden sich lediglich vermehrt DC.

Der Score beim NICE-Long-COVID-Fragebogen nach vier und zwölf Wochen korrelierte signifikant mit der Dichte und Länge der Nervenfasern – ein möglicher Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen dem Verlust von Nervenfasern und dem Schweregrad des Long-COVID- und Post-COVID-Syndroms. Der Nervenfaserschaden korrelierte sowohl mit neurologischen als auch mit muskuloskelettalen Beschwerden. Zudem wiesen Patientinnen und Patienten mit schwererem Akutverlauf von COVID-19 stärker ausgeprägte Schädigungen der kornealen Nervenfasern auf.

Sollten sich diese Befunde bei größeren Kohorten unter Einbeziehung weiterer objektiver Neuropathie-Tests bestätigen, könnte sich die CCM als schnelle, nichtinvasive augenärztliche Untersuchung bei der Diagnose von Long-COVID als klinisch nützlich erweisen. 

 [1] Bitirgen G, Korkmaz C, Zamani A, et al. Corneal confocal microscopy identifies corneal nerve fibre loss and increased dendritic cells in patients with long COVID. British Journal of Ophthalmology Published Online First: 26 July 2021.

https://bjo.bmj.com/content/early/2021/07/08/bjophthalmol-2021-319450

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