Neuropsychiatrische COVID-19-Folgen nicht häufiger als bei anderen schweren Atemwegsinfekten

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Nach den Ergebnissen einer großen, bevölkerungsbasierten Kohortenstudie aus England [1] mit Daten von mehr als acht Millionen Erwachsenen werden nach Krankenhausbehandlung wegen COVID-19 zwar deutlich mehr neuropsychiatrische Erkrankungen diagnostiziert und entsprechende Medikamente verordnet als in der Allgemeinbevölkerung. Häufiger als nach anderen, vergleichbar schweren Atemwegsinfekten komme dies aber nicht vor.

Wie hoch ist das Risiko, im Anschluss an einen stationären Aufenthalt wegen COVID-19 neuropsychiatrisch zu erkranken, und wie unterscheidet es sich von dem Risiko nach Hospitalisierung wegen einer anderen schweren Atemwegserkrankung („severe acute respiratory infection“, SARI)?

Dieser Frage gingen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus England nach. Sie werteten dazu nationale Daten von jeweils über vier Millionen erwachsenen Männern und Frauen aus elektronischen Patientenakten der Primär- und Sekundärversorgung im Zeitraum vom 24.01.2020-07.07. 2021 aus [1]. Dabei achteten sie auf Neudiagnosen neuropsychiatrischer Erkrankungen – Angst, Demenz, Psychose, Depression, bipolare Störung – sowie Erstverordnungen von Antidepressiva, Hypnotika/Anxiolytika und Antipsychotika innerhalb von 12 Monaten nach Krankenhausentlassung. In der Gesamtkohorte mit einem Durchschnittsalter von 49 Jahren waren 16.679 (0,02%) Patientinnen und Patienten nach Hospitalisierung wegen COVID-19 und 32.525 (0,03%) nach Hospitalisierung wegen SARI. Die Risiken für neuropsychiatrische Neuerkrankungen oder die Erstverordnung entsprechender Medikamente waren in beiden Gruppen gegenüber der verbleibenden Bevölkerungsgruppe etwa verdoppelt bis verdreifacht. Abgesehen von 20% weniger Antipsychotika-Verordnungen in der SARI-Gruppe gab es aber keine signifikanten Unterschiede zwischen COVID-19- und SARI-Überlebenden, und auch die absoluten Erkrankungszahlen waren niedrig. Offenbar spielt also eher die Erkrankungsschwere und nicht die Genese der respiratorischen Infektion eine Rolle.

Gegenüber der Normalbevölkerung war beispielsweise das Risiko für neu aufgetretene Angststörungen während der Pandemie im untersuchten Zeitraum nach SARI um 86% und nach COVID-19 um 136% erhöht. Für Demenzerkrankungen betrugen die Risikosteigerungen 155% und 163%. Antidepressiva wurden mit um 155% und 224% höherer Wahrscheinlichkeit verordnet.

Inzidenzen psychiatrischer Erkrankungen nach Hospitalisierung aus der Zeit vor der Pandemie scheinen sich von denen in der aktuellen Untersuchung zu unterscheiden. Ein entsprechender Bias ist nicht auszuschließen. Möglicherweise unterscheiden sich SARI-Patienten, die während der Pandemie stationär aufgenommen wurden, von solchen, die vor der Pandemie hospitalisiert wurden. Auch sei eine vermehrte allgemeine Aufmerksamkeit in Bezug auf mögliche Post-COVID-Symptome in Betracht zu ziehen.

[1] Clift AK, Ranger TA, Patone M et al. Neuropsychiatric Ramifications of Severe COVID-19 and Other Severe Acute Respiratory Infections. JAMA Psychiatry. 2022 May 11. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2022.1067.

https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2792404

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