Neuropathologische Befunde bei COVID-19

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Es gibt wenig Evidenz, dass eine direkte virale Infektion des Gehirns für die neurologischen Manifestationen bei COVID-19 verantwortlich ist. Das bestätigen auch zwei neue Publikationen mit neuropathologischen Befunden. Bei praktisch allen Patienten finden sich Zeichen der systemischen Inflammation und Hypoxie/Ischämie. Einzelfallberichte zeigen aber auch seltene Manifestationen wie die akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) und akute hämorrhagische Leukoenzephalopathie.

Am Columbia University Medical Center wurden 41 konsekutive COVID-19-Patienten obduziert [1]. Das mittlere Alter betrug 74 (38-97) Jahre, 59% waren intensivpflichtig, 20% verstarben in den ersten 24 Stunden, 27% erst nach mehr als vier Wochen. 20% hatten tiefe Venenthrombosen oder Lungenembolien. Bei jeder Autopsie wurden 20-30 Hirnareale untersucht, praktisch alle Gehirne hatten hypoxisch-ischämische Gewebeveränderungen (fokale und global), hinzu kamen kleine und große Infarkte (oft mit Blutungen). In der Regel zeigten sich eine Mikrogliaaktivierung, Neuronophagie (besonders im Hirnstamm), und spärliche T-Lymphozyten-Akkumulationen (perivaskulär und im Parenchym). Altersentsprechend fanden sich oft eine Atherosklerose sowie bei 44% der Verstorbenen Zeichen neurodegenerativer Erkrankungen. Vaskulitiszeichen lagen bei keinem der Fälle vor, Virus-RNA ließ sich nur in niedriger bis sehr niedriger Konzentration nachweisen (bei der Mehrzahl der Patienten), immunozytochemisch gelang kein Nachweis von Virus-RNA. Die fehlende Korrelation zwischen der Schwere der histologischen Schäden und der zerebralen Viruslast lässt die Autoren folgern, dass die histologischen Schäden durch die systemische Inflammation plus Hypoxie/Ischämie bedingt sind und eher nicht direkt viraler Genese sind.

Eine zweite Arbeit beschreibt zwei verstorbene COVID-19-Patienten nach schweren zerebralen Komplikationen [2]. Zusätzlich zu den zuvor genannten histopathologischen Befunden fanden sie Zeichen einer akuten disseminierten Enzephalomyelitis (ADEM) und einer akuten hämorrhagischen Leukoenzephalopathie.  Es kombinierten sich Zeichen der Demyelinisierung und axonale Schäden (vor allem perivaskulär) mit CD3- und CD68-positiven Zellen. Dabei führe SARS-CoV-2 eher indirekt im Rahmen der systemischen Inflammation und Koagulopathie zu den Manifestationen.

 [1] Thakur KT, Miller EH, Glendinning MD et al. COVID-19 neuropathology at Columbia University Irving Medical Center/New York Presbyterian Hospital. Brain 2021 Apr 15

https://academic.oup.com/brain/advance-article/doi/10.1093/brain/awab148/6226391

[2] Walker JM, Gilbert AR, Bieniek KF et al. COVID-19 Patients With CNS Complications and Neuropathologic Features of Acute Disseminated Encephalomyelitis and Acute Hemorrhagic Leukoencephalopathy. J Neuropathol Exp Neurol 2021 Apr 19

https://academic.oup.com/jnen/advance-article/doi/10.1093/jnen/nlab036/6237203