Neurologischer Genesungsverlauf nach stationär behandelter COVID-19-Erkrankung

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Zwei Studien untersuchten prospektiv den neurologischen Genesungsverlauf nach stationärer Behandlung einer COVID-19-Erkrankung (Beatmung in jeweils ca. 30%). Eine vollständige Genesung nach 12 Monaten fand sich nur bei 13% und 29% der Betroffenen. In vielen Bereichen bestanden noch ausgeprägte Beeinträchtigungen (körperlich, kognitiv und bei der Lebensqualität). Als potenziell modifizierbarer Faktor wurde eine persistierende systemische Inflammation identifiziert.

In der ersten Studie aus den USA wurde der neurologische Genesungsverlauf nach stationär behandelter COVID-19-Erkrankung untersucht [1]. Das primäre 12-Monats-Outcome war der modified Rankin Score (mRS-Score) bei 242 Betroffenen (Alter median 65 Jahre, 64% männlich, 34% intubiert; 113 mit und 129 ohne neurologische Komplikationen während der akuten Phase). Zusätzlich wurden Aktivitäten des täglichen Lebens mittels Barthel-Index erfasst, es erfolgten eine telefonische Testung mittels MoCA („telephone Montreal Cognitive Assessment“) und eine Befragung zur Lebensqualität (Neuro-QoL - Fatigue, Angst, Depressionen und Schlafstörungen). Von 174 Betroffenen lagen 6- und 12-Monatsdaten vor.

Nach einem Jahr hatten 87% der Teilnehmenden noch körperliche Beeinträchtigungen, kognitive Einschränkungen oder eine verminderte Lebensqualität: mRS>0 (bei 75%), Barthel-Index <100 (64%), Schlafstörungen (10%), Fatigue (9%), Angststörungen (7%) und Depressionen (4%). Kognitionsstörungen persistierten bei der Hälfte der Betroffenen (t-MoCA ≤18), ohne dass Hinweise für Demenz oder kognitive Störungen vor der COVID-19-Infektion bestanden hatten. Bei den Betroffenen, die während der Erkrankung neurologische Komplikationen aufwiesen, war die Fatigue-Symptomatik signifikant stärker ausgeprägt als bei Patientinnen und Patienten ohne solche Symptome (Fatigue-Score 47 versus 44; p=0,037).

Die PHOSP-COVID-Studie („post hospitalisation“) aus UK [2] erfasste klinische Charakteristika und Inflammationsprofile bei Long-COVID und analysierte deren Assoziation mit dem Genesungsverlauf anhand von subjektiven Outcome-Parametern (körperliche Leistungsfähigkeit, Organfunktionen und selbstberichtete gesundheitsbezogene Lebensqualität). 5-Monatsdaten lagen von 2.320 Betroffenen vor, zusätzliche 1-Jahresdaten bei 807 Teilnehmenden (64% männlich; mittleres Alter 59 ± 12,5 Jahre; 28% nach Intubation). Die Folgen der COVID-19-bedingten Hospitalisierung waren ein Jahr nach der Entlassung in vielen Gesundheitsbereichen noch erheblich; nur eine Minderheit gab eine vollständige Genesung an (25,5% nach fünf und 28,9% nach 12 Monaten). Mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit der vollständigen Genesung assoziiert waren die Faktoren weibliches Geschlecht (OR 0,68), Adipositas (OR 0,5) und Zustand nach Intubation (OR 0,42). Besonders bei schlechterem Genesungsverlauf fanden sich erhöhte systemische Entzündungsmediatoren (z. B. IL-6). Die Bedeutung der potenziell behandelbaren Hinweise auf eine persistierende Inflammation müsse in klinischen Studien weiter untersucht werden, so die Autorinnen und Autoren.

[1] Frontera JA, Dixon Yang D, Medicherla C et al. Trajectories of Neurologic Recovery 12 Months After Hospitalization for COVID-19: A Prospective Longitudinal Study. Neurology 2022

https://n.neurology.org/content/early/2022/03/21/WNL.0000000000200356

[2] Evans RA, Leavy OC, Richardson M et al. Clinical characteristics with inflammation profiling of long COVID and association with 1-year recovery following hospitalisation in the UK: a prospective observational study. Lancet Respir Med 2022

https://www.thelancet.com/journals/lanres/article/PIIS2213-2600(22)00127-8/fulltext

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