Neurologische Manifestationen bei COVID-19: Neue Daten

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Zu neurologischen Manifestationen hatten wir Ihnen zuletzt Arbeiten aus Chicago und New York vorgestellt. Eine aktuelle retrospektive Studie aus 46 Kliniken in Frankreich [1] analysierte die neurologischen Komplikationen von 222 stationär behandelten COVID-19 Patienten. Eine flächendeckende Untersuchung aus Singapur [2] erfasste die Inzidenz von neurologischen Manifestationen bei 47.572 COVID-19-Patientinnen und Patienten, die in der Mehrzahl nur leichte Beschwerden hatten. Bei 90 Betroffenen traten zerebrovaskuläre und andere ernste neurologische Symptome auf.

In einer multizentrischen, retrospektiven Beobachtungsstudie aus Frankreich [1] wurden die neurologischen Komplikationen von 222 hospitalisierten COVID-19-Patienten aus 46 Kliniken ausgewertet. In die Analyse gingen nur die Patientinnen und Patienten ein, die von fünf Tagen vor dem Einsetzen der COVID-19-Symptome bis 35 Tage danach neue neurologische Manifestationen entwickelten. Das mediane Alter der Patienten betrug 65 Jahre, 61% waren männlich. 21% der Patientinnen und Patienten hatten neurologische Vorerkrankungen, am häufigsten einen vorausgegangenen Schlaganfall oder eine neurodegenerative Erkrankung. Die Studienteilnehmer wurden gemäß der Schwere der COVID-19-Erkrankung in drei Gruppen eingeteilt (mild – ernst – kritisch). Fast die Hälfte (45,2%) war ernst oder kritisch erkrankt. Die häufigsten COVID-19-assoziierten neurologischen Erkrankungen waren Enzephalopathien (n=67; 30,2%), akute ischämische Schlaganfälle (n=57; 25,7%; davon „large vessel“-Thrombosen bei 16 Patienten), Enzephalitis (n=21; 9,5%; in zwei Fällen mit positiver Virus-PCR im Liquor) oder ein Guillain-Barré Syndrom (n=15; 6,8%). Die Mortalität innerhalb des kurzen Beobachtungszeitraums von 17 bis 34 Tagen betrug 12,6%.

Die prospektive Erfassung neurologischer Manifestationen bei allen zwischen März und Juli 2020 mikrobiologisch bestätigten COVID-19-Patienten in Singapur [2] ergab hinsichtlich des Erkrankungsspektrums ein ähnliches Bild, obwohl natürlich diese Studienpopulation nicht mit der französischen vergleichbar ist. Es handelte sich um junge Patientinnen und Patienten mit überwiegend milden oder sogar asymptomatischen COVID-19-Verläufen, das Durchschnittsalter betrug 34 Jahre. Anosmie und Ageusie als bekanntermaßen häufige Symptome wurden nicht erfasst. Von 47.572 Patientinnen und Patienten entwickelten 90 innerhalb von drei Monaten eine neurologische Komplikation. Die Betroffenen waren im Durchschnitt 38 Jahre alt und über 98% waren männlich. Unter den Diagnosen waren Enzephalitis und ADEM (n=4), Erkrankungen des peripheren Nervensystems (n=7; z.B. GBS, Fazialisparesen), zerebrovaskuläre Erkrankungen (n=25), darunter zerebrale Ischämien (n=19), intrazerebrale Blutungen (n=2) und venöse Thrombosen (n=4). Vier Patienten entwickelten autonome Störungen. Hierzu zählten Hyperhidrose, Orthostase und Pupillotonie.

Neben diesen 90 Kranken zeigten 51 Patienten neurologische Symptome, bei denen die Autoren keinen kausalen Zusammenhang mit der COVID-19-Infektion sahen. Hierzu zählten u. a. Kopfschmerzen, Schwindel, epileptische Anfälle, Angst und Anpassungsstörung.

[1] Meppie lE, Peiffer-Smadja N, Maury A et al. Neurological manifestations associated with COVID-19: a multicentric registry. Clinical Microbiology and Infection. Published: November 12, 2020.

https://www.clinicalmicrobiologyandinfection.com/article/S1198-743X(20)30698-4/fulltext

[2] Shimin Koh J, De Silva DA, Lin Quek AM et al. Neurology of COVID-19 in Singapore. Neurological Sciences. Published: November 15, 2020.

https://www.jns-journal.com/article/S0022-510X(20)30455-X/abstract