Myasthenia gravis und COVID-19: Eine effektive Immuntherapie sollte nicht aus Sorge vor schweren Verläufen abgebrochen werden

©iStock/Timofey Zadvornov

Aktuell publizierte Registerdaten [1] zeigen, dass Myasthenia gravis-Patientinnen und -Patienten bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 eine erhöhte Sterblichkeitsrate haben – allerdings könnte ein „Reporting-Bias“ zugrunde liegen. Keinesfalls sollten die Betroffenen aus Sorge vor schweren Verläufen eine effektive Immuntherapie abbrechen. Es gibt derzeit keine Rationale, dass eine Immuntherapie generell zu einer höheren COVID-19-Sterblichkeit führt (siehe nächsten Beitrag), das Absetzen hingegen kann die Myasthenie verschlechtern und zu schweren Komplikationen führen.

Angesichts der SARS-CoV-2-Pandemie stellte sich die Frage, wie hoch das COVID-19-Risiko bei Myasthenia gravis-Patientinnen und -Patienten ist, deren Immunsystem durch die Therapie der neurologischen Autoimmunerkrankung unterdrückt wird. Um diese Frage zu beantworten, initiierte eine internationale Arbeitsgruppe, in der u.a. Prof. Heinz Wiendl, Münster, mitarbeitet, Anfang April ein Register und wertete die Krankheitsverläufe von SARS-CoV-2-positiven Myasthenia gravis-Patientinnen und -Patienten aus. Eine Zwischenauswertung der Daten bis zum 5. Oktober 2020 wurde aktuell publiziert [1]. 91 Patienten waren bis dahin im Register erfasst und es zeigte sich, dass es bei 36 Patienten (= 40%) mit COVID-19 zu einer Verschlechterung der Myasthenia gravis oder sogar zu einer myasthenen Krise gekommen war, die intensiviert behandelt werden musste. Auffällig war auch das schlechte Outcome von Patientinnen und Patienten mit Myasthenia gravis, die an COVID-19 erkrankt waren: 24% waren verstorben und lediglich 43% vollständig genesen.

Die hohe Sterblichkeit könnte allerdings auch einem „Reporting-Bias“ geschuldet sein, denn oft werden vor allem diejenigen Fälle in Register eingepflegt, die nicht problemlos verlaufen. Wie die Autoren betonen, ist es daher wichtig, die Datenbasis zu vergrößern und die Kolleginnen und Kollegen zu überzeugen, alle Patientinnen und Patienten in das Register einzugeben.

[1] Srikanth Muppidi, Jeffrey T Guptill, Saiju Jacob, Yingkai Li, Maria E Farrugia, Amanda C Guidon, Jinny O Tavee, Henry Kaminski, James F Howard Jr, Gary Cutter, Heinz Wiendl, Matthew B Maas, Isabel Illa, Renato Mantegazza, Hiroyuki Murai, Kimiaki Utsugisawa, Richard J Nowak, and the CARE-MG Study Group. COVID-19-associated risks and effects in myasthenia gravis (CARE-MG). Published:December, 2020

https://www.thelancet.com/pdfs/journals/laneur/PIIS1474-4422(20)30413-0.pdf