Multisystemisches Inflammationssyndrom auch bei Erwachsenen in Betracht ziehen

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Ein multisystemisches Inflammationssyndrom (MIS) nach COVID-19 wurde bislang vor allem bei Kindern und Jugendlichen beobachtet (MIS-C). Doch auch bei Erwachsenen ist bei Hyperinflammation und Dysfunktion verschiedener extrapulmonaler Organe an solch eine verzögerte, dysregulierte Immunreaktion auf eine SARS-CoV-2-Infektion zu denken. Entsprechend den Daten aus einem aktuellen systematischen Review [1] manifestiert sich das adulte MIS (MIS-A) etwa vier Wochen nach akuter COVID-19-Erkrankung.

Forscherinnen und Forscher aus Atlanta, USA, haben Daten aus Literatur, freiwilligen Meldungen an die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) sowie von 18-20-Jährigen unter den gemeldeten Fällen im Rahmen der CDC-MIS-C-Surveillance zusammengetragen und hinsichtlich Epidemiologie und Klink ausgewertet [1]. Von insgesamt 221 Fällen stammten 99 aus der Literatur und 122 aus den Meldungen an die Gesundheitsbehörde.

Das mediane Alter lag insgesamt bei 21 Jahren, wobei die Autorinnen und Autoren einen gewissen Melde-Bias nicht ausschließen. Allerdings betrafen auch die Fallberichte aus der Literatur vornehmlich junge Menschen. Das mediane Alter war hier 33 Jahre. Nicht für alle Betroffenen lagen sämtliche Daten vor, doch waren 70% (154 von 219) Männer, 36% (60 von 169) Afroamerikanerinnen/Afroamerikaner und 30% (50 von 169) Menschen hispanischer Herkunft. Die Mehrzahl (58%; 122 von 209) hatte keine Begleiterkrankungen. 68% (102 von 149) berichteten über eine vorangegangene mit COVID-19 zu vereinbarende symptomatische Akuterkrankung, die im Median 28 Tage zuvor aufgetreten war.

Die häufigsten bei MIS-A beobachteten Symptome waren Fieber in 96% der Fälle (197 von 205), Blutdruckabfall in 60% (133 von 220), kardiale Funktionsstörungen in 54% (114 von 210), Kurzatmigkeit in 52% (102 von 198) und Diarrhoen in 52% (102 von 197). Im Median waren fünf Organe beteiligt. Zehn Patienten hatten ein Kawasaki-Syndrom. 90% (176 von 195) hatten erhöhte Entzündungswerte und Hinweise auf eine Koagulopathie, 72% (139 von 194) eine positive SARS-CoV-2-Serologie. Die Krankenhausbehandlung dauerte im Median acht Tage, 57% der Patienten (115 von 201) mussten auf die Intensivstation, 47% (101 von 213) brauchten eine Atmungsunterstützung und 7% (15 von 220) starben.

Die Autorinnen und Autoren raten beim Auftreten der Symptome eines möglichen MIS-A zu serologischen Tests, um eine vorangegangene SARS-CoV-2-Infektion nachzuweisen und diese gleichzeitig durch eine Real-Time-PCR von einem biphasischen COVID-19-Verlauf abzugrenzen. IgG-Antikörper sind in der Regel 3-4 Wochen nach SARS-CoV-2-Infektion nachweisbar – also genau dann, wenn sich MIS-A, oft nach einer Phase der Erholung, als postakute, postinfektiöse Erkrankung mit neuen Symptomen manifestiert.

Therapeutisch werden wie bei MIS-C Glukokortikoide, intravenöse Immunglobuline und gegebenenfalls Immunmodulatoren eingesetzt. Weitere Studien sind nötig, um das Krankheitsbild und seine Pathogenese besser zu verstehen.

[1] Patel P, DeCuir J, Abrams J et al.: Clinical Characteristics of Multisystem Inflammatory Syndrome in Adults: A Systematic Review. JAMA Netw Open. 2021 Sep 1;4(9):e2126456.

https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2784427

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