Mehr SARS-CoV-2-assoziierte Autoimmunreaktionen bei Männern

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Autoimmunreaktionen nach Infektion mit SARS-COV-2 unterscheiden sich deutlich zwischen den Geschlechtern. Das gilt offensichtlich nicht nur für schwere Verläufe von COVID-19, die, unabhängig vom Alter, bei Männern häufiger sind. In einer US-Studie wurde jetzt die Reaktivität auf 91 Autoantigene bei 177 Menschen mit stattgehabter asymptomatischer SARS-CoV-2-Infektion oder mildem COVID-19-Verlauf analysiert [1]. Dabei bildeten Männer mit milden COVID-19-Symptomen häufiger und mehr verschiedene Autoantikörpern aus.

Klassische Autoimmunerkrankungen sind im Allgemeinen bei Frauen häufiger. Bei schweren Verläufen von COVID-19 wurde eine Autoimmunaktivierung paradoxerweise aber vornehmlich bei Männern beobachtet. Dass dies nicht allein daran liegt, dass Männer oft schwerer an COVID-19 erkranken und besonders schwere Verläufe Autoimmunität triggern, haben jetzt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles nachgewiesen. Sie untersuchten die Autoimmunität speziell nach asymptomatischen oder milden Verläufen einer SARS-CoV-2-Infektion [1].

Während unter den asymptomatischen Menschen – es handelte sich um Angestellte im Gesundheitswesen – Frauen mehr und vielfältigere Autoantikörper aufwiesen, hatten bei milden SARS-CoV-2-Verläufen Männer ein breiteres Autoantikörper-Spektrum. Die Kohorte war im Mittel 35 Jahre alt, mit 65% Frauen. Als Vergleichsgruppe dienten 53 gesunde Kontrollen aus Deutschland mit Blutproben aus der Zeit vor der Pandemie, darunter 49% Frauen.

Geschlechtsspezifische Autoantikörper-Assoziationen waren noch bis zu sechs Monate nach den selbst-berichteten Symptomen nachweisbar. Bei Männern korrelierte eine Gruppe von Antikörpern gegen 59 Antigene signifikant mit den Symptomen, bei Frauen eine andere gegen 38 Antigene. Insgesamt wurden längst nicht nur Autoantikörper gegen Antigene mit molekularen Ähnlichkeiten zum Virus gebildet. Auch korrelierten sie nicht mit dem Anstieg der IgG-Antikörper gegen SARS-CoV-2-Nucleocapsid.

Zu den Antikörpern, die bei Männern mit vielen (≥6) Symptomen assoziiert waren, gehörten etwa solche gegen snRPB (small nuclear ribonucleoprotein-associated polypeptide B), die auch bei systemischem Lupus erythematodes vorkommen. Sie waren zusammen mit zwei weiteren Antikörpern am häufigsten mit produktivem Husten und verstopfter Nase assoziiert.

Die drei häufigsten Symptome bei Frauen waren mit Autoantikörpern assoziiert, die man auch bei Lungenkrebs findet. Bestimmte Antikörper waren häufiger mit systemischen Symptomen assoziiert, wie Fatigue, Fieber, Muskelschwäche oder Gewichtsverlust.

Cluster-Analysen erbrachten geschlechtsspezifische klinische Muster. Bei Männern dominierten Muskelschmerzen und Fatigue (Cluster 1), Diarrhoe und Appetitverlust (Cluster 2) sowie Niesen, Rhinorrhoe und nasale Kongestion (Cluster 3). Bei Frauen waren trockener Husten, Schüttelfrost und Appetitverlust (Cluster 1), Halsschmerzen, Übelkeit, verstopfte Nase und Fieber (Cluster 2) sowie Geruchs-/Geschmacksstörungen und Atemnot (Cluster 3) am häufigsten.

Die geschlechtsspezifisch getriggerte Autoreaktivität könnte nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren nicht nur mit Geschlechtsunterschieden in der akuten Krankheitsphase zusammenhängen, sondern auch im postakuten Stadium und bei Long-COVID.

[1] Liu Y, Ebinger JE, Mostafa R et al.: Paradoxical sex-specific patterns of autoantibody response to SARS-CoV-2 infection. J Transl Med. 2021 Dec 30;19(1):524.

https://translational-medicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12967-021-03184-8

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