Liquorbefunde von COVID-19-Patienten mit neurologischen Symptomen

©iStock/BaltzarDK

COVID-19-Patienten entwickeln nicht selten im Erkrankungsverlauf neurologische Symptome, die mitunter auch das Haupt- bzw. sogar das einzige Symptom sein können. Dagegen sind bislang weltweit nur wenige Fälle eines PCR-Nachweises von SARS-CoV-2 im Liquor publiziert. Im „Journal of the Neurological Sciences“ werden in einem „Letter to the Editor“ Liquorbefunde einer Studie der deutschen Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Julian Bösel berichtet. Es handelt sich um die bislang größte Kohorte neurologisch symptomatischer intensivpflichtiger COVID-19-Patienten, deren Liquor untersucht wurde.

Untersucht wurden 30 COVID-19-Patienten aus sechs deutschen Kliniken (Auswahl aus der Registerstudie PANDEMIC „Pooled Analysis of Neurologic DisordErs Manifesting in Intensive Care of COVID-19“). Das häufigste neurologische Symptom war ein auffälliger Mental-Status bei 10/30 Patienten, gefolgt von Paresen (9/30), Bewusstseinsstörungen (7/30), Hypo-/Areflexie (9/30), Hyp-/Anosmie oder Hypo-/Ageusie (6/30 – bei begrenzter Beurteilbarkeit bei kritischen Patienten) und Anfälle (5/30). Die häufigsten neurologischen Diagnosen beinhalteten Enzephalopathie (11/30), zerebrovaskuläre Ereignisse (5/30) sowie (Poly)neuropathie (9/30, davon ein Patient mit Miller-Fisher- und zwei mit Guillain-Barré-Syndrom). Das Intervall von positivem Rachenabstrich bis zur Lumbalpunktion betrug ca. 6±10 Tage. 28 Patienten wiesen im Liquor eine normale/leicht erhöhte Leukozytenzahl auf (≤8/μl); eine signifikante Zellzahlerhöhung hatten zwei Patienten (mit HSV1-Enzephalitis und intrakranieller Blutung). Bei 14/25 Patienten war die Blut-Liquor-Schranke intakt (unauffällige Albuminratio); fünf wiesen ausgeprägte Störungen auf. In 14 von 25 (56%) getesteten Proben fanden sich keine oligoklonalen Banden (OCB); 10 Proben zeigten identische OCB in Liquor und Serum (40%); nur ein Enzephalitis-Patient hatte zusätzliche OCB im Liquor. Bei keinem der 30 Patienten gelang im Liquor der Nachweis von SARS-CoV-2 mittels RT-PCR.

Die Autoren konstatieren, dass ihre Ergebnisse mit anderen Berichten über neurologische Symptome bei COVID-19 vergleichbar sind. Sie werten das Fehlen von ausgeprägteren Entzündungszeichen sowie die durchgehend negative PCR im Liquor der 30 Patienten als weiteren Hinweis dafür, dass die neurologischen Symptome wahrscheinlich überwiegend nicht durch eine aktive Virusinvasion des ZNS verursacht werden. Als Ursache für zerebrovaskuläre Ereignisse wird eine Endothelitis diskutiert. Enzephalopathien und Neuropathien kämen ebenfalls eher durch sekundäre, parainfektiöse oder autoimmune Phänomene zustande bzw. durch  indirekte Pathomechanismen bei „Critical Illness”. Die in anderen Berichten gelegentlich positive Virus-PCR im Liquor sei womöglich durch eine gestörte Blut-Liquor-Schranke erklärbar – oder durch Blutkontamination bei schwieriger Lumbalpunktion. Dennoch schließe (wie bei anderen Virusinfektionen) eine negative Liquor-PCR das Vorhandensein von Viren im Hirngewebe nicht aus; daher wären noch weitere Studien z. B. zu Liquor-Antikörpern wichtig.

Neumann B, Schmidbauer ML, Dimitriadis K et al. Cerebrospinal fluid findings in COVID-19 patients with neurological symptoms. J Neurol Sci 2020 Nov 15; 418: 117090 Published online 2020 Aug 11. doi: 10.1016/j.jns.2020.117090

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7417278/