Längerfristige kognitive Einschränkungen nach COVID-19-Erkrankung

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Die Pathogenese neurokognitiver Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar. Auch Patientinnen und Patienten, die nur unter milden COVID-19-Symptomen gelitten hatten, klagen über derartige Probleme. In einer Longitudinal-Studie aus Ecuador zeigten sechs Monate nach einer COVID-19-Erkrankung mit nur leichtem Verlauf ein Fünftel der seropositiven Patienten deutliche Verschlechterungen kognitiver Testwerte. Und die Anästhesisten fürchten als „dritte Welle“ eine große Zahl neurologischer COVID-19-Langzeitfolgen nach stationärer Behandlung.

Analysiert wurden Daten des „Atahualpa Projektes” [1], einer prospektiven Kohortenstudie, die seit 2012 Einflussfaktoren neurologischer Erkrankungen in der Atahualpa-Population Ecuadors untersucht. Gesammelt wurden Daten von kognitiven Tests, MRT- und EEG-Befunden. Die Population war im Frühjahr 2020 von der SARS‐CoV‐2-Pandemie schwer betroffen, die Sterblichkeit betrug 21,6/1000 Einwohner. Analysiert wurden Patienten (≥40 Jahre), die zuvor neurologisch gesund waren. Ausgeschlossen waren Patienten mit stationärer COVID-19-Behandlung, Sauerstoffbedürftigkeit sowie mit primär neurologischer Manifestation. Als kognitive Verschlechterung (prä- versus post-COVID-19) wurde eine Abnahme des MoCA („Montreal Cognitive Assessment“)-Scores gewertet, die mindestens vier Punkte mehr betrug als eine Score-Verschlechterung zwischen zwei MoCA-Tests vor der Pandemie. Von den 93 Studien-Patienten hatten 52 eine milde, symptomatische SARS-CoV-2-Infektion. Sechs Monate nach der Erkrankung wurde eine kognitive Verschlechterung bei 11/52 (21%) seropositiven und bei 1/41 (2%) seronegativen Patienten diagnostiziert. Für Seropositive war die Wahrscheinlichkeit für einen kognitiven Funktionsverlust somit 18-fach höher (p=0,015).

Ein Editorial im „British Journal of Anaesthesia” [2] widmete sich dem zu erwartenden Problem einer zunehmenden Patientenzahl mit neurologischen COVID-19-Langzeitfolgen (nach stationärer Behandlung). Das volle Ausmaß werde sich erst über Monate und Jahre zeigen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass langfristige kognitive Defizite bzw. ein fortschreitender funktionaler Abbau vermutlich durch verschiedene Komponenten entstehen. Patientenfaktoren, der COVID-19-Verlauf und die klinischen Gegebenheiten seien zu berücksichtigen. Die Autoren fordern das systematische Monitoring und die Erfassung von kognitiven, funktionellen und psychosozialen Langzeitfolgen bei COVID-19-Überlebenden, da diese Problematik sonst unterdiagnostiziert bleibt.

[1] Del Brutto OH, Wu S, Mera RM et al. Cognitive decline among individuals with history of mild symptomatic SARS-CoV-2 infection: A longitudinal prospective study nested to a population cohort. Eur J Neurol 2021 Feb 11.

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ene.14775

[2] Baker HA, Safavynia SA, Evered LA et al. The 'third wave': impending cognitive and functional decline in COVID-19 survivors. Br J Anaesth 2021 Jan; 126 (1):44-47

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7577658

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