Kortikale Blindheit bei SARS‐CoV-2-Infektion

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COVID-19 kann mit vielen verschiedenen neurologischen Manifestationen/Symptomen bzw. Komplikationen einhergehen. Aus der Türkei wird die Kasuistik einer seltenen, infektionsassoziierten, neurologischen Komplikation präsentiert – einer bilateralen, reversiblen kortikalen Blindheit – ähnlich einem posterioren reversiblen Leukoenzephalopathie-Syndrom (PRES).

Der beschriebene 38-jährige Patient hatte seit fünf Tagen Fieber; die pulmonale Auskultation war normal. Paraklinisch auffällig waren das stark erhöhte CRP und eine Lymphopenie; das CT zeigte ausgeprägte pneumonische Infiltrate; der Rachenabstrich war SARS-CoV-2-positiv. Es wurde eine Therapie mit Hydroxychloroquin, Azithromycin und Andosetalmivir begonnen. Trotz nasaler Sauerstoffgabe fiel die Sättigung am zweiten Tag auf 88%, so dass eine nichtinvasive Beatmung begonnen wurde. Am sechsten Tag kam es zu Verwirrtheit, Agitation und einem starken Blutdruckanstieg; im Verlauf klagte der Patient über beidseitigen Sehverlust. Bei der neurologischen Untersuchung wenig später war er apathisch und kaum in der Lage, Aufforderungen zu befolgen. Pupillenreaktion und Augenhintergrund waren unauffällig; er konnte jedoch nur hell-dunkel sowie grobe Bewegungen wahrnehmen. Das MRT zeigte in der T2-Wichtung Hyperintensitäten (FLAIR) bilateral, links okzipital betont. Außerdem fand sich eine verminderte Diffusion als Zeichen eines vasogenen Ödems wie bei einem posterioren reversiblen Leukenzephalopathie-Syndrom (PRES). Die Hydroxychloroquin-Therapie wurde beendet und eine Therapie mit Dexamethason (24mg/d) initiiert. Nach der zweiten Dexamethason-Dosis war der Patient wieder fähig, Aufforderungen zu befolgen. Auch die Sehstörungen besserten sich schnell; jedoch bestand für eine weitere Woche eine visuelle Agnosie. Am zehnten Tag war die neurologische Untersuchung wieder normal, die Steroidtherapie wurde ausgeschlichen. Das Kontroll-MRT nach zwei Wochen dokumentierte ebenfalls eine vollständige Rückbildung.

Die Autoren diskutieren als mögliche Ursachen eine direkte Virusinvasion und eine infektiös-toxische Enzephalopathie. Beim PRES kommt es im Rahmen einer hypertensiven Entgleisung oder systemischen Inflammation (Sepsis, Eklampsie etc.) zu reversiblen zerebralen Störungen, bedingt durch eine hypoxisch-metabolische endotheliale Dysfunktion (ohne Entzündungszeichen im Liquor). Auch wenn die exakte Ätiologie im vorliegenden Fall nicht sicher ermittelt werden konnte, so die Autoren, dürften in erster Linie Blutdruckkontrolle und Steroidtherapie zur Erholung des Patienten geführt zu haben.

Kaya Y, Kara S, Akinci C et al. Transient cortical blindness in COVID-19 pneumonia; a PRES-like syndrome: Case report. J Neurol Sci 2020 Apr 28; 413: 116858. DOI: https://doi.org/10.1016/j.jns.2020.116858