Kommentar der DGN-Kommission „Neuroimmunologie“ zum Thema Impfungen gegen das SARS-CoV-2 bei neuroimmunologischen Erkrankungen

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(Stand 5. Februar 2021)

Die zunehmend verfügbar werdenden Impfstoffe gegen das Corona-Virus wecken begründete Hoffnung, dass die aktuelle Pandemie von SARS-CoV-2 ihren Schrecken verlieren könnte. Gleichzeitig stellen sich insbesondere für Betroffene mit neurologischen Autoimmunerkrankungen (wie der Multiplen Sklerose, Myasthenia gravis, Autoimmun-Enzephalitis, CIDP, Neuromyelitis Optica Spektrumerkrankungen [NMOSD], Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein [MOG] assoziierten Erkrankungen [MOGAD], Vaskulitis, Neurosarkoidose) Fragen bezüglich der mit einer Impfung verbundenen Risiken, der Auswahl des Impfstoffs und der Rolle immunsuppressiver oder immunmodulatorischer Medikamente.

Unter ständiger Beobachtung der aktuellen Situation ist nach Einschätzung der Klinischen DGN-Kommission Neuroimmunologie in aller Regel eine Impfung zu befürworten, allerdings werden sich auf einige Fragen erst in den nächsten Monaten wissenschaftlich fundierte Antworten ergeben.

Die folgenden Fragen stehen dabei im Vordergrund:

1) Sollten Patienten mit neurologischen Autoimmunerkrankungen eine Impfung erhalten?

Da einige Patienten mit neurologischen Autoimmunerkrankungen Risikofaktoren für einen komplizierteren COVID-19-Verlauf haben oder entwickeln können (z.B. bei einer Schwäche der Schluck- oder Atemmuskulatur bei der Myasthenie oder einer fortgeschrittenen Multiplen Sklerose mit einem hohen Behinderungsgrad), ist ein zusätzlicher Schutz vor der Ansteckung durch eine wirksame und sichere Impfung sehr sinnvoll.

2) Welche Impfstoffe stehen für Patienten mit neurologischen Autoimmunerkrankungen derzeit zur Verfügung?

In Europa haben die COVID-19-Impfstoffe von BioNTech, Moderna und AstraZeneca eine Zulassung. Alle drei stellen eine neue Generation genbasierter Impfstoffe dar, für die die traditionelle Einteilung in Tot- und Lebendimpfstoffe nicht mehr voll anwendbar ist. Dennoch gilt, dass keine vermehrungsfähigen Viren geimpft werden. Beim BioNTech- und Moderna-Impfstoff wird nur ein bestimmter Teil der Virus-Erbinformation (so genannte mRNA) gespritzt, beim AstraZeneca-Impfstoff dienen nicht-vermehrungsfähige Adenoviren (so genannte Vektoren) dazu, den Bauplan für ein SARS-CoV-2-Oberfächenprotein einzuschleusen. Der Zulassung dieser drei Impfstoffe gingen sorgfältige klinische Prüfungen voraus.

3) Haben Patienten mit neurologischen Autoimmunerkrankungen ein erhöhtes Risiko, Nebenwirkungen einer Impfung gegen SARS-CoV-2 zu entwickeln?

In kurzer Zeit wurden bereits viele Millionen Menschen mit den neuen Impfstoffen behandelt, besonders viele Daten gibt es aus Israel und Großbritannien. Bisher gibt es keine Hinweise, dass Patienten mit einer neurologischen Autoimmunerkrankung ein erhöhtes Risiko haben, Nebenwirkungen der Impfung zu entwickeln, auch wenn systematische Untersuchungen dazu erst in einigen Wochen verfügbar sein werden. Impfreaktionen, z.B. Fieber, können symptomatisch behandelt werden. Insgesamt ist davon auszugehen, dass die Impfung um ein Vielfaches besser vertragen wird als die natürliche Infektion mit SARS-CoV-2.

4) Sollte ich einen bestimmten Impfstoff bevorzugen?

Da derzeit schon deutlich mehr Erfahrungen mit den mRNA-Impfstoffen vorliegen, ist von einer hohen Sicherheit der Anwendung auch bei Patienten mit neurologischen Autoimmunerkrankungen auszugehen und eine Impfung empfehlenswert. Aufgrund der bisher geringeren Erfahrung mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca (derzeit in Deutschland nur empfohlen für Menschen unter 65 Jahren) empfehlen wir, eine erneute Bewertung der Situation in wenigen Wochen abzuwarten. Gemäß der Priorisierungsempfehlung durch die Ständige Impfkommission (STIKO, Link s. unten) werden zunächst Hochbetagte geimpft.

5) Was ist hinsichtlich der Fortführung der Immuntherapie zu beachten?

Immuntherapeutische Medikamente sind ein wichtiger Teil der Therapie von Autoimmunerkrankungen und die Unterbrechung der Behandlung kann zu einer deutlichen Verschlechterung führen. Gemäß der Einschätzung der STIKO ist zu erwarten, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe bei immunsupprimierten Personen in Abhängigkeit von Art und Ausmaß der Immundefizienz geringer ausfallen wird. Es gibt aber bisher keine Hinweise, dass die Immuntherapie zu mehr Nebenwirkungen oder einer schlechteren Verträglichkeit führt, eine Unterbrechung der Therapie ist nicht sinnvoll. Laufende Studien werden zeigen, ob eine Kontrolle des Impferfolgs (zum Beispiel durch Bestimmung neutralisierender Antikörper nach der Impfung) für die weitere Beratung und Behandlung von Patienten hilfreich sein kann.

6) Bleiben sonstige Schutzmaßnahmen erforderlich?

Für alle Patienten ist es sinnvoll, auch nach der Impfung Allgemeinmaßnahmen zum Infektionsschutz vor Erkältungskrankheiten zu berücksichtigen. Dazu gehören:

  • eine starke Reduktion sozialer Interaktionen (inkl. Vermeiden von ÖPNV) und ausreichend Abstand zu anderen Personen (physical distancing),
  • häufiges, gründliches Händewaschen und Händedesinfektion, Niesen/Husten in die Ellenbeuge, Vermeidung von Händeschütteln/Umarmungen, Lüften,
  • ggf. Nachholen der Impfung gegen die saisonale Grippe im ersten Quartal 2021,
  • Verwendung von Mund-Nasen-Schutzmasken bei Kontakt mit anderen Menschen.

Weiterführende Links, insbesondere zu einzelnen Patientengruppen (Multiple Sklerose, Myasthenie), zu Impfstoffen und allgemeinen Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) und Paul-Ehrlich-Instituts (PEI)

Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur COVID-19-Impfung:

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/COVID-19/Impfempfehlung-Zusfassung.html

Über Impfstoffsicherheit informiert das Paul-Ehrlich-Institut in regelmäßigen Sicherheitsberichten:

https://www.pei.de/DE/newsroom/dossier/coronavirus/coronavirus-inhalt.html

Stellungnahme der Deutschen Myasthenie-Gesellschaft (DMG):

https://dmg-online.de/aktuell/aktuelle-informationen-zur-covid-19-impfung-von-patienten-mit-myasthenen-syndromen-1.-aktualisierung

Stellungnahme der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG):

https://www.dmsg.de/corona-virus-und-ms/impfung0/

Stellungnahme des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS):

https://www.kompetenznetz-multiplesklerose.de/wp-content/uploads/2020/12/Stellungnahme-COVID-19-Impfung-MS_Pressetext_KKNMS_DMSG-2.pdf

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