Koagulopathie bei COVID-19: Ist Transferrin der Schlüssel?

© iStock/Christoph Burgstedt

COVID-19 ist mit Thrombosen und intravasaler Koagulation assoziiert. Transferrin könne, so die Autoren der vorliegenden Arbeit, das fehlende Glied in der Kette sein, warum COVID-19 zu Gerinnungsstörungen führt. Denn bei akuten COVID-19-Erkrankungen wurde ein Anstieg der Transferrin-Spiegel beobachtet. Besonders brisant: Transferrin kann auch im Gehirn produziert werden, was die Autoren in Beziehung zu der bei COVID-19-Patienten beobachteten erhöhten Schlaganfallrate setzen. 

COVID-19 ist mit Thrombosen und intravasaler Koagulation assoziiert. Das Risiko steigt mit dem Alter und ist offenbar bei Männern höher als bei Frauen. Um Faktoren zu finden, die zur COVID-19-assoziierten Koagulopathie beitragen, wurde eine Genotypisierungsdatenbank („Genotype-Tissue Expression (GTEx) Database“) nach gerinnungsfördernden Genprodukten durchsucht, deren Expression bei Männern höher ist und die im Alter ansteigen. Vier solcher Prokoagulanzien wurden gefunden: ADAMTS13, F11, HGFAC und KLKB1. Allerdings musste die Arbeitsgruppe feststellen, dass alle vier weder in SARS-CoV-2-infizierten Zellen reguliert werden noch mit SARS-CoV-2-Proteinen interagieren.

Die Autoren stießen dann auf Transferrin als möglichen Kandidaten. Es ist bekannt, dass Transferrin Prokoagulanz-Eigenschaften besitzt, die Transferrinkonzentration im Alter steigt und bei Männern ohnehin höher als bei Frauen ist. Hinzu kommt: Transferrin wird in SARS-CoV-2-infizierten Zellen hochreguliert. Die Autoren weisen auch darauf hin, dass bei Patienten während der akuten COVID-19-Erkrankung ein Anstieg der Transferrin-Spiegel beobachtet wurde.

Transferrin wird zwar hauptsächlich in der Leber produziert, kann aber auch „vor Ort“ in anderen Geweben und Organen hergestellt werden und so zu den COVID-19-assoziierten Gerinnungsstörungen beitragen. U.a. kann Transferrin auch im Gehirn produziert werden und die Autoren führen in diesem Kontext an, dass es unter COVID-19 häufig zu Schlaganfällen kommt, sehr viel häufiger als bei Influenza (wir berichteten) Transferrin könne, so die Autoren, das bislang fehlende Glied in der Kette sein, warum COVID-19 zu Gerinnungsstörungen führt.

Die Autoren heben hervor, dass die Rolle von Transferrin im Kontext von COVID-19 noch genauer untersucht werden muss: Bestätigen sich jedoch die Hypothesen, wäre Transferrin ein diagnostischer Marker der COVID-19-Progression und könne auch zur Anpassung der Antikogulation herangezogen werden.

McLaughlin KM, Bechtel M, Bojkova D et al. COVID-19-Related Coagulopathy—Is Transferrin a Missing Link? July 2020. Diagnostics 10(8):539.

https://www.researchgate.net/publication/343342484_COVID-19-Related_Coagulopathy-Is_Transferrin_a_Missing_Link