Knapp die Hälfte einer Kohorte junger Long-COVID-Betroffener erfüllte die Kriterien für ein ME/CFS

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Erste Daten einer prospektiven Kohortenstudie zeigen, dass ein beträchtlicher Teil einer kleinen Kohorte (n=42) junger COVID-19-Patientinnen und -Patienten in Folge der Akuterkrankung ein anhaltendes Müdigkeitssyndrom entwickelte, das die diagnostischen Kriterien für eine Myalgische Enzephalitis/Chronic Fatigue Syndrom (ME/CSF) erfüllt [1]. Die meisten Betroffenen hatten eine verminderte Handgriffstärke, was mit Biomarkern von Inflammation und endothelialer Dysfunktion korrelierte.

Im Rahmen einer im August 2020 gestarteten Beobachtungsstudie wurde in der Klinischen Immunologie der Berliner Charité-Universitätsmedizin anhand von klinischen und Labor-Parametern ein Vergleich zwischen Post-COVID-19-Syndrom (PCS) und Myalgischer Enzephalitis/Chronic Fatigue Syndrom (ME/CSF) vorgenommen. Eine erste Zwischenauswertung liegt nun vor [1].

Verglichen wurden eine Subgruppe junger PCS-Patientinnen und -Patienten – 29 Frauen, 13 Männer, medianes Alter 36,5 Jahre – mit sechs Monate nach Akuterkrankung persistierender, moderater bis schwerer Müdigkeit und Belastungsintoleranz, sowie eine alters- und geschlechtsgematchte Kohorte mit nicht durch COVID-19 hervorgerufenem postinfektiösem ME/CFS. Die PCS-Gruppe wurde unterteilt in 19 Personen, die die in Forschung und Sekundärversorgung zur Diagnosebestätigung empfohlenen kanadischen Konsensus-Kriterien von 2003 für ME/CFS erfüllten, und 23, die dies nicht taten.

Krankheitslast und -schwere waren in beiden PCS-Gruppen vergleichbar und in der PCS/ME/CFS-Gruppe ähnlich wie in der mit non-COVID ME/CFS. Lediglich Grippe-ähnliche Symptome waren in beiden PCS-Gruppen mit 70% und 79% gegenüber 100% seltener als bei non-COVID ME/CFS. Signifikante Unterschiede zwischen non-COVID ME/CFS und PCS/non-ME/CFS betrafen außerdem eine Temperatur-Hypersensitivität bei 88% versus 48%, eine bei non-COVID ME/CFS zwar nicht häufigere, aber dafür stärker ausgeprägte Stressintoleranz und die in dieser Gruppe ebenfalls stärker ausgeprägte Erschöpfung nach Belastung. Eine solche post-exertional Malaise (PEM), bei der mentale wie physische Anstrengung eine Symptomverschlechterung, typischerweise für 14 Stunden bis zu mehreren Tagen, triggert, ist eines der Hauptsymptome bei ME/CFS. Dieses Symptom wurde bei sämtlichen Betroffenen aller drei Gruppen beobachtet.

Die Handgriffstärke (HGS) als Parameter zur Erfassung von Muskel-Fatigue war bei den meisten Personen unterhalb der Normwerte und korrelierte in beiden PCS-Gruppen positiv mit dem Hämoglobinwert. In der PCS/non-ME/CFS-Kohorte korrelierte sie mit den Angiotensin-Converting-Enzyme-2 (ACE2)-Spiegeln und in der PCS/ME/CFS-Gruppe mit Bilirubin und Ferritin und außerdem negativ mit dem N-terminalen-Brain-Natriuretischen-Peptid (NT-BNP). Anhalt für eine Herzinsuffizienz gab es bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit erhöhten NT-BNP-Werten nicht. Da BNP aber auch in Satellitenzellen ischämischer Skelettmuskulatur gebildet wird, sehen die Autorinnen und Autoren dies als möglichen Beleg für ihre Hypothese, dass Muskelfatigue infolge einer Hypoperfusion entstehen könnte. Den positiv mit der HGS korrelierenden Markern wird eine Schutzwirkung auf die Endothelfunktion und die Sauerstoffversorgung der Muskulatur zugeschrieben. Eine endotheliale Dysfunktion wird als wichtiger Faktor in der Pathogenese sowohl bei ME/CFS als auch bei COVID-19 diskutiert. Beschrieben werden auch negative Korrelationen zwischen Parametern der HGS und Interleukin-8 in Erythrozyten beziehungsweise CRP-Werten als mögliche Indizien für eine unterschwellige Entzündung.

Die Autorinnen und Autoren der Studie konstatieren, dass sich durch die SARS-CoV-2-Pandemie die ME/CFS-Fallzahlen dramatisch erhöhen könnten. Darin könne die Chance liegen, die Pathomechanismen, die zur ME/CFS führen, besser zu verstehen und Therapietargets zu identifizieren.

[1] Kedor C, Freitag H, Meyer-Arndt L et al. A prospective observational study of post-COVID-19 chronic fatigue syndrome following the first pandemic wave in Germany and biomarkers associated with symptom severity. Nat Commun. 2022 Aug 30;13(1):5104. doi: 10.1038/s41467-022-32507-6.

https://www.nature.com/articles/s41467-022-32507-6

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