Klassifikation akuter neurologisch-psychiatrischer COVID-19-Komplikationen

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Fallserien akuter neurologischer und psychiatrischer COVID-19-Folgen bzw. -Komplikationen rücken zunehmend in den Fokus der Berichterstattung. Ziel der ersten landesweiten und fächerübergreifenden Querschnitterhebung im Vereinigten Königreich war eine umfassende Beschreibung möglicher klinischer Symptome, denn nur vor diesem Hintergrund sei, so die Autoren, künftig eine Auswahl und Evaluierung potenzieller Therapien möglich.

Die Autoren entwickelten ein Netzwerk schnell reagierender, sicherer Online-Portale für Fallberichte aus allen Bereichen der Neurowissenschaften in den UK, einschließlich ABN („Association of British Neurologists“), BASP („British Association of Stroke Physicians“) und RCPsych („Royal College of Psychiatrists“). COVID-19-assoziierte klinisch-neurologische bzw. psychiatrische Syndrome wurden in vier Gruppen klassifiziert:
1.) akute zerebrovaskuläre Ereignisse (ischämisch, hämorrhagisch oder thrombotisch),
2.) akute mentale Veränderungen (d. h. Persönlichkeit, Verhalten, Wahrnehmung oder Bewusstseinslage),
3.) periphere neurologische Störungen (im Bereich der Nervenwurzeln, der peripheren Nerven, neuromuskulären Synapsen oder Muskeln) und
4.) sonstige Störungen (frei formulierbar).

Das ABN- und das BASP-Portal starteten Anfang April, das RCPsych-Portal am 21.04. Bis zur Deadline für diese Auswertung (26.04.) wurden 153 Fallberichte verzeichnet. Das mediane Patientenalter lag bei 71 (23–94) Jahren; bei 82% (125 Patienten) waren die Datensätze vollständig. 77/125 (62%) Patienten hatten ein zerebrovaskuläres Ereignis: 57/77 (74%) einen ischämischen Schlaganfall, 9/77 (12%) eine intrazerebrale Blutung und ein Patient eine ZNS-Vaskulitis. 39/125 (31%) der Patienten wiesen mentale Beeinträchtigungen auf: 9/39 (23%) eine unspezifische Enzephalopathie, 7/39 (18%) eine Enzephalitis und 23/39 (59%) erfüllten die Kriterien einer psychiatrischen Diagnose (fast alles Neuerkrankungen). 10/23 waren Psychosen, 6/23 hatten neurokognitive, demenzähnliche Syndrome und 4/23 eine affektive Störung. Von den Patienten mit mentaler Beeinträchtigung war fast die Hälfte jünger als 60 Jahre - von den Patienten mit zerebrovaskulären Ereignissen dagegen nicht einmal jeder fünfte (hier waren 82% über 60 Jahre alt).

Die Autoren heben hervor, dass mentale Veränderungen als zweithäufigste Präsentation genauso häufig bei jüngeren Patienten unter 60 Jahren vorkamen wie bei älteren. Dies seien für Kliniker, Forscher sowie Geldgeber wichtige und dringend notwendige Daten, wenn es um die nächsten Schritte in der neurowissenschaftlichen COVID-19-Forschung und der Gesundheitspolitik geht.

Varatharaj A, Thomas N, Ellul MA et al. Neurological and neuropsychiatric complications of COVID-19 in 153 patients: a UK-wide surveillance study. Lancet Psychiatry 2020; Published Online June 25

https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(20)30287-X/fulltext