Keine verlässliche T-Zell-Antwort unter Langzeit-Fingolimod-Therapie

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Menschen mit Multipler Sklerose (MS), die Fingolimod erhalten, scheinen selbst nach einer Booster-Impfung nur unzureichend vor schweren Verläufen geschützt zu sein. Wie aus einer prospektiven Kohortenstudie hervorgeht, bilden sie ähnlich wie MS-Betroffene unter einer anti-CD-20-Therapie im Vergleich zu anderen MS-Betroffenen weniger spezifische und neutralisierende Antikörper. Hinzu kommt bei ihnen aber, dass sie sich auch nicht auf die T-Zell-Reaktivität verlassen können.

Im Rahmen einer prospektiven Kohortenstudie haben deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen detailliert untersucht, wie krankheitsmodifizierende MS-Therapien sich auf die Impfantworten nach homologer Erst-, Zweit- und Booster-Impfung mit SARS-CoV-2-mRNA-Vakzinen auswirken [1]. Von insgesamt 126 teilnehmenden MS-Patientinnen und -Patienten erhielten 105 eine immunmodulierende Langzeittherapie, und zwar mit anti-CD20-basierten B-Zell-depletierenden Medikamenten, Fingolimod, ß-Interferonen, Dimethylfumarat, Glatirameracetat, Teriflunomid oder Natalizumab. Zum Vergleich dienten 21 Unbehandelte.

Im Unterschied zu allen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wiesen die meisten von denen, die anti-CD20-Antikörper oder Fingolimod erhielten, selbst nach Boosterung keine oder zumindest deutlich weniger IgG-Antikörper gegen die Untereinheit 1 des Spike-Proteins (S1) auf. Ihre Serumkonversionsraten lagen nach der dritten Impfung insgesamt bei lediglich 35% und 45%. Die Neutralisierungsaktivität im Serum war deutlich eingeschränkt und insgesamt nach drei Impfungen nur bei 35% und 41% unter anti-CD-20- beziehungsweise Fingolimod-Therapie nachweisbar. Zudem mangelte es beiden Gruppen an B-Zellen mit Spezifität für die Rezeptor-bindende Domäne und die S2-Untereinheit. Letztere entstehen als Ausdruck des Immungedächtnisses auch bei Exposition durch endemische Coronaviren.

Anders als bei den B-Zell-Depletierten, die durch eine T-Zell-Antwort geschützt waren, kam unter Fingolimod hinzu, dass auch diese bei den meisten fehlte. Nur 26% der Betroffenen (7 von 27) hatten nach der Booster-Impfung überhaupt nachweisbare S1-reaktive T-Zellen. Dies macht MS-Erkrankte, die Fingolimod einnehmen, zu einer besonders vulnerablen Gruppe, denn eine verminderte T-Zell-Antwort ist bei SARS-CoV-2 mit schwereren Verläufen assoziiert.

In der Studie waren weniger die Zahlen der B- und T-Zellen im Blut ausschlaggebend für die Immunantwort, sondern vor allem die Dauer der Fingolimod-Therapie. Offenbar beeinträchtigt nicht nur ein Mangel an Immunzellen die Impfreaktivität, sondern es kommt auch darauf an, dass die Zellen sich ungehindert an ihren Wirkort begeben können. Die koordinierte Lymphoztenmigration wird aber von Sphingosin-1-Phosphat (S1P)-Rezeptorantagonisten wie Fingolimod verhindert. Da ein Pausieren der Medikation wegen zu befürchtender MS-Schübe in der Regel nicht infrage kommt, raten die Autorinnen und Autoren zu regelmäßigem Immun-Monitoring und weiteren Schutzmaßnahmen. Entsprechende Patientenschulung gewinnen angesichts der kürzlichen Zulassung weiterer S1P-Rezeptoraantagonisten an Bedeutung.

[1] Meyer-Arndt L, Braun J, Fauchere F et al. SARS-CoV-2 mRNA vaccinations fail to elicit humoral and cellular immune responses in patients with multiple sclerosis receiving fingolimod. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2022 Jul 14:jnnp-2022-329395.

https://jnnp.bmj.com/content/early/2022/07/13/jnnp-2022-329395.long

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