Jeder sechste COVID-19-Patient litt drei Monate nach der Akuterkrankung noch unter neurologischen und neuropsychiatrischen Folgen

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Je länger die COVID-19-Pandemie dauert, desto mehr rücken auch mögliche Langzeitfolgen in den Fokus der Wissenschaft. Mediziner aus Österreich haben jetzt bei 135 COVID-19-Patienten neurologische und neuropsychiatrische Manifestationen nach drei Monaten untersucht [1]. Jeder sechste hatte Symptome, insbesondere COVID-19-Patienten, die intensivpflichtig waren. Am häufigsten wurden bei 44 % Geruchsstörungen beobachtet. Kognitive Störungen waren neben einer Anosmie das häufigste Symptom, über das nicht-hospitalisierte Patienten mit mutmaßlichem „Long-COVID“-Syndrom in einer US-Studie berichteten [2].

Mediziner aus Innsbruck untersuchten in einer prospektiven, multizentrischen Kohortenstudie [1] 135 konsekutive Patienten, die drei Monate zuvor wegen einer akuten COVID-19-Erkrankung behandelt worden waren: 23 % auf der Intensivstation, 53 % auf Normalstation und 24 % ambulant. Nach drei Monaten hatten 15 % neurologische Syndrome: eine Polyneuro- und -myopathie in 12 % und eine milde Enzephalopathie in 2,2 %. Daneben bestanden in Einzelfällen Folgen eines Guillain-Barré-Syndromes und eines ischämischen Schlaganfalls. Am häufigsten waren eine Hyposmie oder Anosmie. Wenngleich nur 17 % diese bemerkten, deckte die Untersuchung mit dem SS-16-Test („16-Item Sniffin-Sticks-Test“) Geruchsstörungen bei 45 % der 127 so untersuchten Patienten auf.

Critical-Illness-Polyneuropathien oder -myopathien, die akut bei jedem dritten Intensivpatienten aufgetreten waren, hatten sich nach drei Monaten gebessert. Restsymptome waren noch bei acht Patienten vorhanden. Eine Enzephalopathie, akut ebenfalls bei einem Drittel der Intensivpatienten beobachtet, persistierte nur bei einem. Während insgesamt 23 % kognitive Defizite mit weniger als 26 Punkten im MoCA („Montreal Cognitive Assessment“) hatten, betraf dies jeden Zweiten nach Enzephalopathie. Subjektiv berichteten aber alle Patienten, auch die mit milder Erkrankung, ähnlich häufig über Vergesslichkeit, Konzentrations- und Denkschwierigkeiten. Insgesamt fühlte sich nach drei Monaten jeder Dritte in seiner Lebensqualität eingeschränkt. Das funktionelle Ergebnis nach drei Monaten war jedoch gut. Fast alle Patienten hatten ihre Unabhängigkeit wiedererlangt.

Von 100 Patienten, die wegen seit ≥6 Wochen anhaltender neurologischer Beschwerden nach milder, keinen Klinikaufenthalt erfordernder, klinischer COVID-19-Erkrankung eine Neuro-COVID-19-Sprechstunde in Chicago aufsuchten, hatten in einer prospektiven Studie [2] 81 % kognitive Störungen, die sie selbst als „Hirnnebel“ („brain fog“) beschrieben. 68 % klagten über Kopfschmerzen, 60 % über Taubheitsgefühle oder Kribbelparästhesien, 59 % über Geschmacksstörungen und jeweils 55 % über Anosmie oder Myalgien. 85 % litten zusätzlich an einer Fatigue. Bei allen bestand klinisch der Verdacht auf eine COVID-19-Infektion, aber nur bei der Hälfte war die Diagnose durch Abstrich oder Antikörpertest im Labor bestätigt worden. Eine Anosmie war bei SARS-CoV-2-positiv getesteten Patienten mit 74 % signifikant häufiger (36 % bei SARS-CoV-2-negativen Patienten).

[1] Rass V, Beer R, Schiefecker AJ et al.: Neurological outcome and quality of life three months after COVID-19: a prospective observational cohort study. Eur J Neurol. 2021 Mar 7.

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ene.14803

[2] Graham EL, Clark JR, Orban ZS et al.: Persistent neurologic symptoms and cognitive dysfunction in non‐hospitalized Covid‐19 “long haulers”. Ann Clin Transl Neurol. 2021.

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/acn3.51350