Impfbereitschaft – eine Frage von Raum und Zeit

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Impfzögerlichkeit und -skepsis bis zur offenen Impf-Gegnerschaft schmälern den Erfolg von Impfkampagnen. Was bei COVID-19 besonders deutlich wird, war schon bei anderen Impfungen, etwa gegen Masern, ein Problem. Internet und soziale Medien befeuern dies. Gleichzeitig bieten sie aber auch die Chance, sich in Real-Time ein Bild kursierender Meinungen zu machen. Nach Einschätzungen der Autorinnen und Autoren eines aktuellen Review-Artikels im „New England Journal of Medicine“ [1] sollte das für gezielte, am besten lokal initiierte Aufklärungskampagnen genutzt werden.

Als „vaccine hesitancy“, Impfzögerlichkeit, bezeichnen US-amerikanische und britische Epidemiologinnen und Epidemiologen in einem aktuellen Übersichtsartikel [1] den Zustand der Unentschlossenheit und Unsicherheit, bevor Menschen sich für oder gegen eine Impfung entscheiden. In dieser kritischen Phase suchen sie oft aktiv Informationen. Worauf sie dabei stoßen, kann die Haltung zur Impfung maßgeblich beeinflussen. In der COVID-19-Pandemie wurden ausgeprägte Schwankungen bei der Impfbereitschaft beobachtet, oft in zeitlichem Zusammenhang mit Nachrichten, gesundheitspolitischen Entscheidungen oder Berichten über Impfnebenwirkungen. Ein zunehmendes Misstrauen gegenüber Expertinnen/Experten, Vorlieben für Alternativmedizin, politische Polarisierung und glaubensbasierter Extremismus spielen ebenfalls eine Rolle. Hinzu kommen Unsicherheiten angesichts der fluktuierenden Entwicklung der Pandemie und den wechselnden Gegenmaßnahmen, der raschen Einführung neuer Impfstoffe und dem Auftreten immer neuer Varianten.

Dass Impfzögerlichkeit nichts Neues ist und Teil einer komplexen, größeren Geschichte, bei der besonders digitale Medien eine Rolle spielen, untermauern die Autorinnen und Autoren mit historischen Beispielen anderer Impfungen. Dazu gehört, obwohl wissenschaftlich längst widerlegt, die sich seit Ende des 20. Jahrhunderts bei Teilen der Weltbevölkerung hartnäckig haltende Sorge, Masern-Impfungen könnten mit Autismus zusammenhängen. Durch Medienberichte getriggerte Bedenken hinsichtlich der Verträglichkeit der Impfung gegen humanes Papillomavirus (HPV) veranlassten 2013 die Regierung in Japan unter dem Druck einer durch Twitter ermöglichten Elterninitiative, ihre aktive HPV-Impfempfehlung zurückzuziehen. Erst im April 2022 wurde sie wieder ausgesprochen. Mathematischen Modellen zufolge hat man dadurch allein im Zeitraum 2013 bis 2019 die Chance verpasst, mehr als 25.000 vermeidbare Zervixkarzinome zu verhindern. Nach Zurückziehen der Impfempfehlung in Japan war auch in vielen anderen Ländern eine gesunkene HPV-Impfbereitschaft zu verzeichnen gewesen.

Impfzögerlichkeit führte die WHO 2019 unter den zehn größten Bedrohungen für die globale Gesundheit an. In ihrem Review betonen die Autorinnen und Autoren die Rolle des Internets und sozialer Medien, die der raschen Verbreitung von Fehlinformationen und Anti-Impf-Bewegungen enorm Vorschub leisten können. Zu wissen, was gerade online vor sich geht, bietet aber auch Chancen: Aus den vielen digitalen Daten kann man ermitteln, in welchen Gegenden welche Menschen besonders mit der Impfung hadern, indem man etwa Postleitzahl, Alter, Geschlecht, Beruf oder ethnische Zugehörigkeit mit den Einstellungen korreliert. In den USA haben sich aus solchen Analysen abgeleitete „Impfzögerlichkeits-Landkarten“ bereits als nützlich erwiesen. Es können so lokal gezielt Anstrengungen zur Verbesserung der Impfbereitschaft unternommen werden. Medizinischem Personal erlaubt solches Wissen, von Patientinnen und Patienten geäußerten Bedenken zu antizipieren und gezielte Aufklärungsgespräche zu führen. Vor-Ort-Strategien machen besonders Sinn, da medizinisches Personal nach wie vor großes Vertrauen genießt. In einer Umfrage in 140 Ländern [2], die die Autorinnen und Autoren des Übersichtsartikels zitieren, gaben 73% der Befragten an, Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegepersonal in Gesundheitsfragen mehr zu vertrauen als anderen Menschen, einschließlich Familie, Freunden, religiösen Führern oder Prominenten. In den wohlhabenderen Ländern sagten dies sogar 90% der Befragten.

[1] Larson HJ, Gakidou E, Murray CJL: The Vaccine-Hesitant Moment. N Engl J Med. 2022 Jul 7;387(1):58-65.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMra2106441

[2] Gallup. Wellcome Global Monitor 1918.

https://wellcome.org/reports/wellcome-global-monitor/2018 [letzter Zugang: 20.07.22]             

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